Hund hat Augenausfluss
Wenn dein Hund Augenausfluss zeigt, sich vermehrt die Augen reibt, blinzelt oder unter dem Innenwinkel braune oder gelbe Verkrustungen entstehen, ist das ein häufiges, aber selten harmloses Symptom. Augenausfluss reicht von klar und wässrig bis schleimig-eitrig, von einseitig bis beidseitig, von akut bis chronisch. Hinter jedem dieser Erscheinungsbilder steht eine andere Ursache, von einer banalen Reizung über eine bakterielle Bindehautentzündung (Konjunktivitis), eine allergische Reaktion, eine Tränenwegs-Stenose, eine trockene Keratokonjunktivitis sicca (KCS) bis hin zu schwerwiegenden Befunden wie Hornhautulkus, Glaukom oder Fremdkörper. Manche dieser Diagnosen sind innerhalb weniger Stunden entscheidend für den Erhalt des Sehvermögens, andere lassen sich gut konservativ behandeln. Wenn du die Symptommuster richtig einordnen kannst, weißt du, ob du einen normalen Sprechstundentermin brauchst oder sofort in die Notfallambulanz musst. Dieser Ratgeber erklärt dir die wichtigsten Ursachen, beschreibt die diagnostischen Schritte in deiner Tierarztpraxis (Schirmer-Test, Fluoreszein-Färbung, Spülung der Tränenwege), gibt dir Erste-Hilfe-Tipps für zu Hause und sagt dir klar, wann jede Stunde zählt. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Wichtiger Hinweis
Augen sind extrem schmerzempfindlich und reagieren auf jede Behandlungsverzögerung sensibel. Verwende niemals menschliche Augentropfen mit Wirkstoffen wie Cortison oder Antibiotika ohne tierärztliche Anweisung. Cortison auf einem unerkannten Hornhautgeschwür kann innerhalb von Stunden zur Perforation und zum Augenverlust führen. Im Zweifel reicht physiologische Kochsalzlösung zum vorsichtigen Ausspülen, alles andere gehört in die Praxis.
Wie unterscheiden sich die verschiedenen Arten von Augenausfluss?
Die Beobachtung der Sekretart ist die wichtigste erste diagnostische Information. Klares, wässriges Sekret (seröser Ausfluss) entsteht meist durch leichte Reizung, Allergie, Wind, Staub oder eine beginnende Konjunktivitis. Es spricht oft auf einfache Augenspülungen mit physiologischer Kochsalzlösung an, sollte aber bei Persistenz nach 24 bis 48 Stunden tierärztlich abgeklärt werden. Schleimiger Ausfluss (mukös), oft zäh und fadenziehend, ist typisch für die Keratokonjunktivitis sicca, also einen Mangel an Tränenflüssigkeit, der die Augenoberfläche austrocknet.
Eitriger Ausfluss (mukopurulent oder purulent), gelb-grünlich, dickflüssig, oft mit Verklebungen der Lider am Morgen, ist ein Hinweis auf eine bakterielle Infektion, häufig sekundär nach einer primären Reizung oder einem Hornhautdefekt. Blutiger Ausfluss ist immer ein Notfall und kann auf Trauma, schwere Entzündung, Tumor oder Gerinnungsstörung hinweisen. Bräunlicher, krustiger Belag im Innenwinkel, häufig in chronischer Form, entsteht bei Tränenüberproduktion oder gestörtem Tränenabfluss, wenn die Tränenflüssigkeit über das Lid läuft und mit Hautlipiden oxidiert.
Wichtig ist auch die Frage, ob ein oder beide Augen betroffen sind. Beidseitiger Ausfluss spricht oft für eine systemische Ursache (Allergie, Infektion, KCS), einseitiger Ausfluss eher für eine lokale Ursache (Fremdkörper, Trauma, Hornhautdefekt, Tränenwegs-Stenose).
Was ist Konjunktivitis und wie wird sie behandelt?
Konjunktivitis bezeichnet die Entzündung der Bindehaut, also der dünnen, durchsichtigen Schleimhaut, die das Augenweiß und die Innenseite der Lider auskleidet. Auslöser sind bakterielle (Staphylokokken, Streptokokken) oder virale Infektionen (selten Staupevirus, häufiger als Begleitsymptom anderer Infekte), Allergien (Pollen, Hausstaub, Futtermittel), Reizstoffe (Rauch, Chlor, Wind, Staub), Fremdkörper oder anatomische Fehlstellungen wie Entropium (eingerolltes Lid) und Distichiasis (zusätzliche Wimpernreihe).
Symptome sind gerötete Bindehaut, Schwellung, vermehrter Tränenfluss, Kneifen, Lichtempfindlichkeit, je nach Ursache klarer bis eitriger Ausfluss. Die Diagnose erfolgt in deiner Tierarztpraxis über Untersuchung mit Spaltlampe, Schirmer-Test (zur Tränenmenge), Fluoreszein-Färbung (zum Ausschluss eines Hornhautulkus) und gegebenenfalls Tupferproben für Bakteriologie. Die Therapie richtet sich nach der Ursache: antibiotische Augentropfen oder Salben bei bakterieller Infektion, Cortison-Tropfen nur bei sicher ausgeschlossenem Ulkus, Antihistaminika oder Diätumstellung bei Allergie, chirurgische Korrektur bei Lidfehlstellungen.
Bei wiederkehrender Konjunktivitis lohnt sich ein Allergietest und die Abklärung einer atopischen Grundlage. Atopische Hunde zeigen oft kombinierte Symptome an Haut und Augen. Mehr dazu im Ratgeber atopische Dermatitis beim Hund.
Was ist die Keratokonjunktivitis sicca (KCS)?
Die Keratokonjunktivitis sicca (oder „Trockenes Auge“) ist eine der häufigsten chronischen Augenerkrankungen beim Hund und entsteht, wenn die Tränendrüse zu wenig wässrige Tränenflüssigkeit produziert. In rund 80 Prozent der Fälle ist die Ursache immunvermittelt, also eine Autoimmunreaktion gegen die eigene Tränendrüse. Andere Ursachen sind Infektionen (Staupe), Medikamente (Sulfonamide), neurologische Schädigungen, angeborene Drüsenanomalien oder die Folge einer entfernten Nickhautdrüse. Prädisponierte Rassen sind Cavalier King Charles, Cocker Spaniel, English Bulldog, Shih Tzu, Lhasa Apso, Mops, West Highland White Terrier und Yorkshire Terrier.
Symptome sind chronischer schleimig-zäher Ausfluss, glanzlose, trockene Hornhaut, Pigmenteinlagerung mit fortschreitender Verdunkelung der Hornhaut, Bindehautrötung und chronisches Kneifen. Diagnostiziert wird KCS mit dem Schirmer-Test, einem dünnen Filterpapierstreifen, der eine Minute lang in den Bindehautsack eingeführt wird. Werte unter 15 Millimetern pro Minute weisen auf eine reduzierte Tränenmenge, unter 10 sind diagnostisch für KCS.
Die Therapie erfolgt lebenslang, meist mit Cyclosporin- oder Tacrolimus-Augentropfen, die die Tränenproduktion steigern und die Entzündung modulieren. Zusätzlich werden künstliche Tränenpräparate mehrmals täglich verabreicht. Bei guter Therapietreue bleibt die Hornhaut weitgehend klar und das Sehvermögen erhalten. Ohne Therapie kommt es zur fortschreitenden Pigmentierung, zu Hornhautgeschwüren und schließlich zur Erblindung.
Was hat es mit der Tränenwegs-Stenose auf sich?
Die Tränenflüssigkeit wird normalerweise über kleine Öffnungen am Innenwinkel des Lids (Tränenpünktchen) in einen feinen Tränenwegskanal geleitet, der über die Nasenhöhle abfließt. Wenn dieser Kanal verengt oder verstopft ist, läuft die Tränenflüssigkeit über das Unterlid ab und führt zu chronischer Tränenrinne mit bräunlicher Verfärbung des Fells (Epiphora). Ursachen sind angeborene Engstellen oder fehlende Tränenpünktchen, entzündungsbedingte Narben, Fremdkörper oder Tumore. Bei brachycephalen Rassen wie Mops, Französische Bulldogge und Pekinese ist die anatomische Tränenwegs-Verlegung sehr häufig und konstitutionell.
Diagnostiziert wird die Stenose mit dem Jones-Test (Fluoreszein in den Bindehautsack, der bei freiem Abfluss innerhalb von Minuten am Nasenloch erscheint) und mit der Tränenwegsspülung in Kurzsedierung. Therapeutisch wird eine Spülung des Kanals durchgeführt, gegebenenfalls mit kurzfristiger Schienung. Bei brachycephalen Rassen ist eine vollständige Heilung oft nicht möglich, ein konsequentes tägliches Auswischen der Tränenrinne reduziert aber Hautreizungen und Verkrustungen.
Wie läuft die Diagnostik in der Praxis ab?
Eine vollständige Augenuntersuchung dauert 15 bis 30 Minuten und umfasst mehrere standardisierte Schritte. Zuerst die allgemeine Inspektion in normalem Licht, dann die Spaltlampenuntersuchung zur Beurteilung der vorderen Augenabschnitte, anschließend der Schirmer-Test (vor Anwendung von Tropfen), die Fluoreszein-Färbung zum Nachweis von Hornhautdefekten, gegebenenfalls eine Augeninnendruckmessung mit dem Tonometer und die Untersuchung des Augenhintergrundes mit Ophthalmoskop. Bei unklaren Befunden folgen Tupfer für Bakteriologie, Zytologie der Bindehaut, gelegentlich PCR für virale Erreger.
Die Kosten für eine spezialisierte Augenuntersuchung in Österreich liegen bei 80 bis 180 Euro für Standarddiagnostik, bei zusätzlicher Bildgebung oder Augenultraschall bei 200 bis 400 Euro. Eine Hundekrankenversicherung deckt Augenerkrankungen in der Regel mit ab und entlastet bei chronischen Erkrankungen wie KCS, die lebenslange Medikation erfordern. Eine spezialisierte Augenheilkunde-Praxis findest du über die Tierarztsuche, in Wien gezielt über Tierarzt Wien.
Welche Hausmittel sind erlaubt, welche schädlich?
Erlaubt und sinnvoll als Erstmaßnahme ist das vorsichtige Auswischen verklebter Lider mit lauwarmem Wasser oder einer abgekühlten Kamillentee-Auskochung (kein industrieller Tee mit Aroma) auf einem fusselfreien Tuch. Dabei immer von innen nach außen wischen, für jedes Auge ein neues Tuch, kein Druck auf den Augapfel. Auch eine vorsichtige Spülung mit physiologischer Kochsalzlösung aus der Apotheke, idealerweise Einzeldosen, kann Schmutz oder Sekret entfernen.
Schädlich oder unwirksam sind menschliche Augentropfen mit Wirkstoffen (Cortison, Vasokonstriktoren, Antibiotika), Salben aus dem Hausgebrauch, ätherische Öle, Knoblauch, Essiglösungen oder andere alternativmedizinische Anwendungen. Cortison auf einem unerkannten Hornhautgeschwür kann zur Perforation des Auges führen, das ist eine reale, vermeidbare Katastrophe. Wenn der Ausfluss nach 24 bis 48 Stunden trotz vorsichtiger Spülung nicht besser wird oder neue Symptome wie Lichtempfindlichkeit, Trübung, Schmerz oder Sehprobleme auftreten, ist sofort ein Termin in der Praxis nötig.
Tierärztlicher Blick auf Augenausfluss
Augen verzeihen wenig. In unserer Sprechstunde sehen wir leider regelmäßig Patienten, deren behandelbares Hornhautulkus über mehrere Tage mit menschlichen Augentropfen versorgt wurde und perforiert ist. Die Faustregel lautet: Bei jedem Augenproblem, das länger als 24 Stunden besteht, oder bei Schmerzzeichen (Kneifen, Lichtempfindlichkeit, Trübung, Sehverlust) sofort tierärztlich abklären. Eine spaltlampengeführte Untersuchung mit Schirmer- und Fluoreszein-Test dauert 15 Minuten, kostet wenig und schützt das Sehvermögen. Bei chronischem Ausfluss lohnt es sich, eine Tränendiagnostik durchzuführen, weil die KCS in vielen Fällen lange übersehen wird, mit fortschreitenden Hornhautschäden. Eine spezialisierte Praxis erreichst du über die Tierarztsuche.
Wann zum Notdienst?
Sofort in den Notdienst bei akut blutendem Auge, plötzlichem Sehverlust, hochgradigem Schmerz mit krampfhaft geschlossenem Lid, sichtbarem Fremdkörper, getrübter Hornhaut, einseitig vorgewölbtem Augapfel (Verdacht Glaukom), starker Schwellung der Lider oder bei Augenausfluss nach Trauma. Hier zählt jede Stunde für den Erhalt des Sehvermögens.
Wie kannst du Augenproblemen vorbeugen?
Vorbeugung beginnt mit täglicher Beobachtung. Schau deinem Hund einmal pro Tag bewusst in die Augen, prüfe Glanz, Klarheit, Bindehautfarbe, eventuelle Verkrustungen oder Tränenrinnen. Bei Rassen mit langem Stirnhaar (Yorkie, Bobtail, Bearded Collie, Pudel) kürze regelmäßig die Haare über den Augen oder binde sie zusammen, um mechanische Reizungen zu vermeiden. Bei brachycephalen Rassen mit großen, vorstehenden Augen (Mops, Französische Bulldogge, Pekinese) ist besondere Vorsicht im Umgang mit Sträuchern, Spielzeug und Hundespielen geboten, weil das Verletzungsrisiko deutlich höher liegt.
Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Omega-3-Fettsäuren unterstützt die Tränenfilm-Qualität, mehr dazu im Ratgeber Hundefutter. Bei wiederkehrenden Augenproblemen lohnt sich eine Allergiediagnostik. Vermeide Zigarettenrauch, starke Reinigungsmittel im Hundebereich und langes Fahren mit dem Kopf aus dem Autofenster, weil Wind, Staub und Insekten zu erheblichen Reizungen führen können. Mehr Hygiene-Tipps zur ergänzenden Pflege findest du im Ratgeber zur Fellpflege beim Hund.
Eine wenig beachtete Vorbeugung ist der Schutz vor Sonneneinstrahlung. Hunde mit weißem Fell rund um die Augen, dünnem Lidpigment oder hellhäutigen Lidrändern sind anfälliger für aktinisch bedingte Lidentzündungen. Ein leichter Schatten beim Sommerlauf, eine luftige Kopfbedeckung beim Wandern in alpiner Höhe oder ein Sonnenschutz für den Liegeplatz im Garten können hier sinnvoll sein. Bei Hunden mit chronischer Konjunktivitis nach Ausflügen ans Meer, in den Schnee oder ins Hochgebirge ist eine Schutzbrille (Doggles oder ähnliche Hundebrillen) eine seriöse Option, die viele Hunde nach kurzer Eingewöhnung gut tolerieren.
Achte schließlich auf eine ruhige, gut beleuchtete Umgebung beim Spielen mit kleinen Kindern, weil Stoßverletzungen mit Spielzeug zu den häufigsten Augentraumata bei Hunden gehören. Auch das beliebte Stöckchen-Werfen ist riskant, weil aufkommende Holzsplitter oder ein zu nah aufgegriffener Stock zu schweren Hornhautverletzungen führen können. Setze stattdessen auf weiche Apportierhölzer aus Gummi oder spezielle Apportierdummys. Bei jeder neuen Augenauffälligkeit gilt die einfache Regel: lieber einmal zu viel als einmal zu wenig kontrollieren lassen, denn Augen verzeihen Verzögerungen schlecht und das Sehvermögen ist ein zentrales Stück Lebensqualität für deinen Hund.
Für Halterinnen und Halter in Österreich und Deutschland lohnt sich auch der Blick auf die Spezialisierungslandschaft. Veterinäre mit Zusatzqualifikation Augenheilkunde (DipECVO oder vergleichbare nationale Spezialistentitel) gibt es an der Vetmeduni Wien sowie in mehreren spezialisierten Tierkliniken in Wien, Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck. Bei chronischen oder unklaren Befunden ist eine Überweisung dorthin sinnvoll, weil Spezialgeräte wie OCT, hochauflösende Spaltlampen, elektroretinographische Systeme und Augenultraschall mit Linsenanalyse verfügbar sind. Die Investition zahlt sich besonders bei chronischen Erkrankungen wie KCS, Glaukom oder degenerativen Netzhautveränderungen aus.
Eine weitere wichtige Vorbeugung ist der Schutz vor Trauma im Alltag. Lasse deinen Hund nicht ungesichert im Kofferraum mitfahren, weil bei einer Vollbremsung Gegenstände gefährlich werden. Sichere Hundetransportboxen oder ein gut sitzender Sicherheitsgurt schützen nicht nur das Auge, sondern den ganzen Hund. Auch beim Spazierengehen in der Dämmerung lohnt sich ein reflektierendes Geschirr, damit dein Hund von Radfahrern und Autos früh gesehen wird und keine Kopfkollisionen passieren.