Jungpferd longieren: Anleitung für den erfolgreichen Start
Longieren gehört zu den grundlegenden Ausbildungsmethoden im Pferdesport – und gerade bei Jungpferden ist es ein unverzichtbarer Baustein auf dem Weg zur Rittigkeit. Du lernst in diesem Artikel, worauf es beim Longieren von Jungpferden wirklich ankommt, welche Ausrüstung du brauchst, wie du das Training sinnvoll aufbaust und welche typischen Fehler du unbedingt vermeiden solltest.

- Longieren eignet sich für Jungpferde ab etwa 2,5 bis 3 Jahren – aber nur in kurzen, pferdegerechten Einheiten.
- Der Aufbau sollte schrittweise erfolgen: erst Gewöhnung ans Halfter und die Gerte, dann erste Kreisbewegungen.
- Qualität geht vor Quantität: Besser 10 Minuten sinnvoll longierten als 30 Minuten planlos im Kreis.
- Das richtige Equipment schützt das Pferd vor Verletzungen und erleichtert die Kommunikation.
Was ist Longieren und warum ist es so wichtig für Jungpferde?
Beim Longieren bewegst du dein Pferd an einer langen Leine – der sogenannten Longe – im Kreis um dich herum. Du stehst dabei im Mittelpunkt, das Pferd kreist in einem Radius von üblicherweise sechs bis zehn Metern um dich. Durch deine Körpersprache, die Stimme, die Longe und eine Gerte gibst du dem Pferd Impulse und steuerst Tempo, Richtung und Haltung.
Für Jungpferde erfüllt das Longieren gleich mehrere wichtige Funktionen:
- Körperliche Grundlagenarbeit: Das Pferd baut Rücken- und Bauchmuskulatur auf, lernt seine Gliedmaßen zu koordinieren und entwickelt ein erstes Gleichgewichtsgefühl unter dem späteren Reitergewicht.
- Mentale Entwicklung: Der junge Pferd lernt, sich auf einen Menschen zu konzentrieren, Kommandos zu verstehen und ruhig in ungewohnten Situationen zu bleiben.
- Vertrauensaufbau: Longierstunden sind eine wertvolle Möglichkeit, die Mensch-Pferd-Beziehung zu stärken, ohne dass das Gewicht eines Reiters auf dem Rücken des Pferdes lastet.
- Vorbereitung aufs Reiten: Viele Grundlektionen – Angaloppieren auf ein Kommando, Übergänge, Tempo halten – werden zuerst an der Longe geübt, bevor du sie unter dem Sattel verfeinerst.
Kurz gesagt: Wer sich beim Longieren die Zeit nimmt, ein solides Fundament zu legen, spart später beim Reiten viel Geduld und Nerven.
Ab wann kannst du ein Jungpferd longieren?
Diese Frage stellt sich jede Pferdebesitzerin und jeder Pferdebesitzer früher oder später – und die Antwort ist weniger ein festes Datum als ein Zusammenspiel aus Alter, Entwicklungsstand und Belastbarkeit.
Richtwert Alter: 2,5 bis 3 Jahre
Die meisten Ausbilderinnen und Ausbilder empfehlen, mit dem Longieren frühestens im Alter von zwei bis zweieinhalb Jahren zu beginnen – und selbst dann sollten die Einheiten extrem kurz und sanft sein. Der Grund: Die Knochen, Sehnen und Gelenke eines jungen Pferdes sind noch nicht vollständig ausgereift. Besonders der Skelettstabilisator im Karpalgelenk (Vorderfußwurzel) schließt sich bei vielen Rassen erst mit drei bis vier Jahren vollständig.
Für ernsthafte Longierarbeit – also gezielte Muskelarbeit, Tempoübergänge und erste Lektionen – ist ein Alter von drei Jahren als Untergrenze empfehlenswert. Warmblüter, die generell später reifen als z. B. Quarter Horses oder Iberische Rassen, können ruhig noch etwas länger warten.
Vorbereitende Bodenarbeit ab dem Fohlenalter
Viel früher als mit dem eigentlichen Longieren kannst du mit vorbereitender Bodenarbeit beginnen: Halfter anlegen, führen, stillstehen, an Menschen gewöhnen. Diese frühe Handarbeit ist keine Belastung, sondern reine Sozialisation – und sie legt das Fundament für alles, was später kommt.
Welche Ausrüstung brauchst du fürs Longieren?

Die richtige Ausrüstung macht beim Longieren einen erheblichen Unterschied – für die Sicherheit des Pferdes, für die Qualität der Kommunikation und für deine eigene Handhabung.
Longierausrüstung für das Pferd:
- Kappzaum oder Longierkaveson: Für Jungpferde ist ein gut sitzender Kappzaum oder ein Longierkaveson ideal – er erlaubt feine Hilfen, ohne auf ein Gebiss angewiesen zu sein. Ein Trensen-Halfter mit Ringanbindung am Nasenriemen ist ebenfalls möglich, aber weniger präzise.
- Longe: Eine 8 bis 10 Meter lange Longe aus Baumwolle, Nylon oder Leder. Wichtig: Sie sollte nicht zu schwer sein, damit sie auch bei kleinen Pferden gut in der Hand liegt. Leder ist langlebig und fühlt sich gut an, Baumwolle ist günstiger und einsteigerfreundlicher.
- Gamaschen oder Bandagen: Sie schützen die Beingelenke und Sehnen vor Belastungsverletzungen. Für Jungpferde sind einfache Streichkappen für die Vorderbeine und Sprunggelenkschoner für hinten ein guter Start.
- Sattelunterlage (optional): Sobald du beginnst, das Pferd an den Sattel zu gewöhnen, kannst du diesen bereits beim Longieren auflegen – ohne Reiter.
Ausrüstung für dich:
- Longierpeitsche: Die Gerte sollte lang genug sein (mindestens 1,60 m Stiel plus Schnur), um den Kreis des Pferdes zu erreichen, ohne selbst näher zu treten. Sie ist kein Strafinstrument, sondern eine Verlängerung deines Arms.
- Handschuhe: Schützen deine Hände vor Seilverletzungen, wenn das Pferd plötzlich zieht oder ausreißt.
- Feste Schuhe oder Reitstiefel: Kein Longieren ohne festes Schuhwerk – sollte das Pferd auf deinen Fuß treten, kann das schlimme Folgen haben.
Was du nicht brauchst (und vermeiden solltest):
Auf Schlaufzügel, Dreieckszügel und andere Hilfszügel solltest du bei Jungpferden am Anfang komplett verzichten. Das Jungpferd soll zunächst lernen, sich frei und im eigenen Gleichgewicht zu bewegen – ohne künstliche Einengung. Hilfszügel können dann sinnvoll eingesetzt werden, wenn das Pferd bereits sicher an der Longe geht und eine gewisse Grundstabilität entwickelt hat.
Schritt-für-Schritt: So baust du das Longiertraining auf
Ein strukturierter Aufbau ist der Schlüssel zu einem entspannten und lernbereiten Jungpferd. Hier ist ein bewährtes Schema, das sich in der Praxis gut bewährt hat:
Phase 1: Bodenarbeit und Grundgehorsam (Wochen 1–4)
Bevor du das Pferd in den Kreis schickst, stell sicher, dass es folgende Grundlagen beherrscht: ruhig geführt werden, auf „Brrrr“ oder „Halt“ anhalten, beim Putzen und Anschirren stillstehen, ohne zu zappeln.
Übe zunächst das Führen in großen Bögen und Schleifen, die einer Longierkreisbahn ähneln. Das Pferd lernt so, neben dir im Bogen zu laufen – ein erster Schritt in Richtung Longe.
Phase 2: Erste Longierversuche im Schritt (Wochen 5–8)
Jetzt bringst du Abstand zwischen dich und das Pferd. Stelle dich seitlich auf, gib die Longe mit ausgestrecktem Arm und lass das Pferd in einem Halbkreis neben dir herlaufen. Steigere den Radius peu à peu, bis du wirklich im Zentrum stehst.
In dieser Phase wird ausschließlich im Schritt gearbeitet. Stimme, Körpersprache und ruhige Geste sind deine Werkzeuge. Übe Anhalten und Anschreiten auf Kommando.
Phase 3: Trab einführen (Wochen 9–12)
Sobald das Pferd im Schritt sicher und ruhig im Kreis läuft, kannst du behutsam den Trab einführen. Verwende ein eindeutiges Stimmkommando („Trabbb!“) und unterstütze es mit einer kleinen Bewegung der Gerte in Richtung Hinterhand. Übe Übergänge: Schritt – Trab – Schritt.
Phase 4: Galopp einführen (ab Woche 13, je nach Fortschritt)
Der Galopp an der Longe ist für viele Jungpferde anfangs eine Herausforderung, weil sie das Gleichgewicht im Kreis noch nicht vollständig haben. Führe ihn erst ein, wenn das Pferd im Trab sicher, rund und schwingt. Nutze Hufschlagwechsel, um den Anreiz zu erhöhen, und treibe nicht mit Druck in den Galopp – sondern warte auf einen entspannten Moment.

Wie lange und wie oft solltest du ein Jungpferd longieren?
Das ist eine der häufigsten Fragen – und die Antwort überrascht viele: weniger ist mehr, besonders am Anfang.
Dauer pro Einheit:
- Erste Monate: 10 bis maximal 15 Minuten aktive Arbeit an der Longe, inklusive Auf- und Abwärmphase. Die Muskulatur und das Skelettsystem des Jungpferdes ermüden schnell – was für ein erwachsenes Pferd ein leichtes Training ist, kann für ein Zweijähriges echte Belastung bedeuten.
- Nach 3–6 Monaten: Langsam auf 20 bis 25 Minuten steigern, wenn das Pferd körperlich und mental mitkommt.
Häufigkeit pro Woche:
- 2 bis 3 Mal pro Woche reichen für ein Jungpferd völlig aus. An den restlichen Tagen kannst du führen, Bodenarbeit machen oder das Pferd einfach auf die Weide lassen.
- Tägliches Longieren ist bei Jungpferden nicht empfehlenswert – das erhöht das Verletzungsrisiko und kann zu Stress führen.
Welche Lektionen lernst du beim Longieren?
Longieren ist viel mehr als nur „im Kreis laufen lassen“. Wenn du es richtig einsetzt, legt es das Fundament für fast alle späteren Reitlektionen:
- Stimmkommandos: „Trab“, „Galopp“, „Schritt“, „Halt“ – das Pferd lernt, auf deine Stimme zu reagieren. Diese Kommandos werden später unter dem Sattel zur wichtigen Unterstützung der Schenkelhilfen.
- Übergänge: Das Verfeinern von Schritt-Trab-Übergängen und später Trab-Galopp-Übergängen schult die Hinterhand und das Gleichgewicht.
- Tempo halten: Das Pferd lernt, ein einmal aufgenommenes Tempo beizubehalten, ohne permanent angetrieben oder zurückgehalten zu werden.
- Losgelassenheit: Ein schwingender Rücken, ein nickendes Genick im Schritt, ein entspannter Schweif – all das zeigt, dass das Pferd losgelassen und nicht verkrampft ist.
- Geraderichtung im Kreis: Klingt paradox, ist aber wichtig: Das Pferd soll sich dem Kreisbogen anpassen, ohne nach innen zu kippen oder nach außen auszuweichen.
Welche typischen Fehler beim Longieren solltest du vermeiden?
Auch erfahrene Reiterinnen und Reiter machen beim Longieren manchmal Fehler, die sich auf die Entwicklung des Jungpferdes negativ auswirken. Hier sind die häufigsten:
1. Zu früh zu viel verlangen
Das Jungpferd braucht Zeit. Wer zu schnell Tempowechsel, ausgedehnte Galoppeinheiten oder Hilfszügel einführt, riskiert körperliche Überlastung und mentalen Stress. Geduld ist die wichtigste Eigenschaft beim Ausbilden junger Pferde.
2. Der Kreis ist zu klein
Ein zu enger Kreis (unter 8 Metern Durchmesser) belastet die Gelenke übermäßig. Für Jungpferde gilt: Möglichst großer Kreis, erst mit zunehmender Stärke kann der Radius verkleinert werden.
3. Longe ist ständig gespannt
Eine dauerhaft straffe Longe bringt das Pferd aus dem Gleichgewicht und verhindert, dass es sich in die Verbindung einspannt. Die Longe sollte in einem leichten Bogen hängen – Kontakt, aber kein Zug.
4. Zu lange auf einer Hand
Viele Pferde sind von Natur aus auf einer Hand steifer als auf der anderen – ähnlich wie Menschen Rechts- oder Linkshänder sind. Arbeite auf beiden Händen gleich viel und beginne immer auf der leichteren Seite zum Eingewöhnen.
5. Schlechte Körpersprache des Menschen
Das Pferd reagiert auf deine Energie. Wer hektisch, sprunghaft oder unsicher wirkt, überträgt das auf das Pferd. Ruhige, klare Bewegungen und eine stabile Position in der Mitte sind entscheidend.
6. Ignorieren von Schmerzsignalen
Lahmheit, Verweigerungen auf einer Hand, übermäßiges Bocken oder Steigen können auf körperliche Probleme hinweisen. Hol dir im Zweifelsfall tierärztlichen Rat, bevor du weitermachst.
Wie verbindest du Longieren mit anderen Ausbildungsschritten?
Longieren ist kein isoliertes Training, sondern Teil eines ganzheitlichen Ausbildungskonzepts. So betttest du es sinnvoll ein:
Longieren und Bodenarbeit
Bodenarbeit (Führen, Stellen, Biegen, Rückwärtsgehen) und Longieren ergänzen sich ideal. Beginne jede Longiereinheit mit 5 Minuten geführter Bodenarbeit, um die Verbindung zu stärken und das Pferd mental auf die Arbeit vorzubereiten.
Longieren und Gewöhnung an den Sattel
Bevor du das erste Mal aufsitzt, sollte das Pferd den Sattel kennen und akzeptieren. Longiersessions mit aufgelegtem Sattel (ohne Reiter) sind ideal, um das Pferd an das Geräusch und Gefühl des Ledersattels zu gewöhnen.
Longieren und erste Einreitversuche
Wenn du das Jungpferd zum ersten Mal bereitest, ist die Longe dein Sicherheitsnetz. Der Einreiter sitzt im Sattel, du führst das Pferd an der Longe und übernimmst so die Steuerung, bis das Pferd unter dem Reiter sicherer wird.
Longieren als Aufwärmen oder therapeutisches Element
Auch bei älteren, bereits gerittenen Pferden bleibt Longieren ein wertvolles Werkzeug – zum Aufwärmen vor dem Reiten, zur Korrektur von Ungleichgewichten oder zur Aufarbeitung nach Verletzungspausen.
- Monat 1–2: Bodenarbeit, Führen in Bögen, Stallroutine festigen
- Monat 3–4: Erste Longierversuche im Schritt, beide Hände, max. 10 Min.
- Monat 5–6: Trab einführen, Übergänge üben, Stimme verfeinern
- Monat 7–9: Galopp auf geeignetem Gelände einführen, Sattelgewöhnung
- Ab Monat 10: Longieren als Vorbereitung fürs erste Bereiten nutzen
FAQ: Häufige Fragen zum Longieren von Jungpferden
Ab welchem Alter darf ich ein Pferd longieren?
Als grober Richtwert gilt: leichte Bodenarbeit ab dem Fohlenalter, erste kurze Longiereinheiten ab etwa 2,5 Jahren, regelmäßiges Longieren mit Belastungsanspruch ab 3 Jahren. Der genaue Zeitpunkt hängt von der Rasse, dem Entwicklungsstand und dem individuellen Pferd ab. Im Zweifel bitte deinen Tierarzt oder deine Tierärztin um eine Einschätzung.
Muss ich einen Kappzaum verwenden oder reicht ein normales Halfter?
Ein Kappzaum oder Longierkaveson ist für Jungpferde die bessere Wahl, weil er eine klarere und schonendere Kommunikation ermöglicht als ein Halfter. Bei einem Halfter besteht die Gefahr, dass die Longe bei plötzlichem Zug in einem ungünstigen Winkel auf Nase oder Genick wirkt. Wenn du nur ein Halfter zur Hand hast, hänge die Longe am besten am seitlichen Ring am Nasenriemen ein.
Wie erkenne ich, dass mein Jungpferd beim Longieren überfordert ist?
Typische Zeichen von Überforderung sind: ständiges Bocken oder Steigen ohne klaren Grund, Unlust und Verweigerung, übermäßiges Schwitzen bei geringer Belastung, Verkrampfungen im Rücken (Rücken hoch, Rute eingeklemmt) und deutliche Lahmheit auf einer Seite. Zeigt dein Pferd eines dieser Zeichen regelmäßig, solltest du die Belastung sofort reduzieren und einen Tierarzt hinzuziehen.
Wie groß muss der Longierplatz sein?
Für ein Jungpferd sollte der Longierkreis einen Mindestdurchmesser von 12 bis 16 Metern haben. In einem Reitplatz oder einer Reithalle ist das kein Problem. Im Freien empfiehlt sich ein eingezäuntes, ebenes Gelände mit möglichst weichem Untergrund (Sand, Rindenmulch), um die Gelenke zu schonen.
Quellen
- Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN): Ausbildungsskala für das Pferd – Grundlagen der Pferdeausbildung. FN-Verlag, Warendorf.
- Heuschmann, G. (2009): Takt und Versammlung – Ein Kommentar zur klassischen Pferdeausbildung. Kosmos Verlag, Stuttgart.
- von Neindorff, E. (2000): Die Kunst des klassischen Reitens. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart.