Ohrenentzündung beim Hund
Hol dir deinen persönlichen Bereich mit gespeicherten Beiträgen, Empfehlungen und Tierarzt-Terminen.
Mein go4vet kostenlos starten
Ohrenentzündung beim Hund, fachlich Otitis externa, ist nach Hauterkrankungen und Zahnpathologie der häufigste Vorstellungsgrund in der tierärztlichen Kleintierpraxis. Sie tritt bei rund zwanzig Prozent aller Hunde mindestens einmal im Leben auf, bei prädisponierten Rassen mit Hängeohren, langen Haaren im Gehörgang oder allergischen Grunderkrankungen sogar deutlich häufiger. Unbehandelt entwickelt sich aus einer simplen Otitis externa eine chronische Entzündung mit Verdickung und Verkalkung des Gehörgangs, die nur noch chirurgisch durch eine Total Ear Canal Ablation, kurz TECA, behoben werden kann.
In diesem Ratgeber erfährst du, warum gerade Hängeohrrassen besonders gefährdet sind, wie eine korrekte zytologische Diagnostik abläuft, welche Therapieoptionen heute zum Standard gehören und wann der Schritt zur TECA-Operation indiziert ist. Du bekommst klare Hinweise zur Heimpflege, lernst typische Fehler kennen und verstehst, warum ein einfaches Ohrenputzmittel aus dem Internet einen Schaden anrichten kann, der mehrere tausend Euro Folgekosten erzeugt. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Wichtiger Hinweis
Ohrenentzündungen sind nie nur ein lokales Problem, sondern fast immer Hinweis auf eine zugrunde liegende Erkrankung wie Allergie, Hormonstörung oder Fremdkörper. Behandlung nur mit Tropfen aus dem Internet ist gefährlich, weil falsche Wirkstoffe das Trommelfell schädigen können. Vor jeder lokalen Therapie gehört das Ohr otoskopisch und zytologisch untersucht.
Warum sind Hängeohren besonders anfällig?
Der Aufbau des Hundeohrs unterscheidet sich grundlegend vom menschlichen. Der Gehörgang verläuft erst senkrecht, dann horizontal, ist also L-förmig. Diese Anatomie sorgt dafür, dass eingedrungene Feuchtigkeit nicht von selbst wieder abfließt, sondern in der Tiefe verbleibt und dort ein warmes, feuchtes Milieu schafft, in dem sich Hefen und Bakterien optimal vermehren. Bei Hängeohrrassen wie Cocker Spaniel, Basset, Beagle, Labrador, Golden Retriever oder Pudel verschärft die Hängelage des Ohrs diese Bedingungen. Die Belüftung ist eingeschränkt, die Luftfeuchtigkeit im Gehörgang dauerhaft hoch.
Hinzu kommt bei vielen dieser Rassen ein dichter Haarwuchs im Gehörgang, vor allem bei Pudel, Schnauzer, Bichon und Mischlingen mit Pudelanteil. Dieses Haar bindet Sekret, behindert die Selbstreinigung und ist ein zusätzlicher Nährboden. Kombiniert mit häufigem Schwimmen im Sommer, Pollenflug im Frühling und Allergien ergibt sich ein Hochrisikoprofil, das viele Halter unterschätzen.
Aufrechtohrige Rassen wie Schäferhund, Malinois oder Husky sind nicht immun, aber sie erkranken seltener und in der Regel weniger chronisch. Trotzdem gilt: Jede Otitis ist mehr als ein lokales Hygieneproblem. Sie ist meistens das sichtbare Symptom einer tiefer liegenden Grundursache, die mit abgeklärt werden gehört. Ein typischer Fall ist die atopische Dermatitis, bei der bis zu achtzig Prozent der betroffenen Hunde Ohrentzündungen als erstes oder einziges sichtbares Symptom zeigen.

Welche Ursachen liegen einer Otitis zugrunde?
In der Veterinärdermatologie hat sich das sogenannte PSPP-Schema durchgesetzt. P steht für primäre Ursachen, also den eigentlichen Auslöser, klassischerweise Allergien, Fremdkörper, Parasiten wie Otodectes-Milben, Polypen, Tumore oder endokrine Erkrankungen wie Hypothyreose. P steht zweitens für prädisponierende Faktoren, also Anatomie, Haarwuchs, Schwimmen oder unsachgemäße Reinigung. S steht für sekundäre Faktoren, das sind die Bakterien und Hefen, die das Bild eindrücklich gestalten, aber selten den Anfang machen. Das letzte P steht für perpetuierende Faktoren, also chronische Veränderungen wie Verdickung, Verkalkung und Cholesteatome.
Genau diese Differenzierung ist therapeutisch entscheidend. Wer nur die sekundären Hefen oder Bakterien behandelt, ohne die Allergie zu kontrollieren, hat innerhalb weniger Wochen die nächste Otitis. Wer prädisponierende Faktoren wie Schwimmen ohne Trocknung ignoriert, ebenfalls. Eine konsequente Aufarbeitung mit Anamnese, Otoskopie, Zytologie und gegebenenfalls bildgebender Diagnostik ist der einzige Weg, die Otitis dauerhaft in den Griff zu bekommen.
Bei Welpen und jungen Hunden steht oft Otodectes cynotis, die Ohrmilbe, im Vordergrund, gefolgt von Fremdkörpern wie Grannen im Sommer. Grannen sind getreideähnliche Pflanzenteile, die sich beim Spaziergang im Fell verfangen, durch das Ohrloch wandern und im Gehörgang feststecken, manchmal sogar das Trommelfell perforieren. Typisch ist plötzliches, heftiges Kopfschütteln nach einem Spaziergang in trockenen Sommerwiesen. Bei erwachsenen Hunden dominieren Allergien. Bei Senioren spielen Polypen und Tumore eine größere Rolle. Hormonelle Erkrankungen wie Hypothyreose und Cushing können die Haut des Gehörgangs anfälliger machen und gehören bei rezidivierenden Otitiden mit auf die Differenzialliste.
Wie läuft die Diagnostik in der Tierarztpraxis ab?
Die Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese: Seit wann besteht die Symptomatik, ist sie saisonal, gibt es weitere Hauterscheinungen, geht der Hund schwimmen, wurde bereits etwas eingegeben. Anschließend erfolgt die otoskopische Untersuchung mit dem Standard-Otoskop oder, idealerweise, mit einem Video-Otoskop, das eine deutlich bessere Tiefenbeurteilung erlaubt. Beurteilt werden Rötung, Schwellung, Sekretmenge und -beschaffenheit, Trommelfellintegrität sowie das Vorhandensein von Fremdkörpern oder Polypen.
Zentral ist die zytologische Untersuchung. Mit einem Wattestäbchen wird Sekret entnommen, ausgestrichen, gefärbt und unter dem Mikroskop beurteilt. Hefen wie Malassezia pachydermatis erscheinen erdnussförmig, Bakterien wie Staphylokokken oder Pseudomonaden geben charakteristische Bilder. Diese fünfzehn Minuten Diagnostik entscheiden über die Wahl der Tropfen. Ohne Zytologie zu behandeln, ist Glücksspiel, kostet Zeit und Geld und züchtet Resistenzen.
Bei chronischen oder schweren Otitiden, vor allem bei Verdacht auf eine Otitis media, also Mittelohrentzündung, sind weiterführende Verfahren nötig. Dazu gehören CT oder MRT des Schädels, Probenentnahme unter Narkose, Antibiogramm und gegebenenfalls Polypen- oder Tumorbiopsie. Diese Diagnostik ist in spezialisierten Kliniken in Wien, Graz, München oder Berlin verfügbar.
Welche Therapien stehen heute zur Verfügung?
Die Therapie der Otitis externa ist mehrstufig. Schritt eins ist die gründliche Reinigung des Gehörgangs in Sedation oder Narkose, weil ein verschmutztes Ohr nicht therapierbar ist. Hierfür werden milde Reinigungslösungen verwendet, die das Trommelfell nicht schädigen. Schritt zwei ist die topische Behandlung mit Tropfen, die je nach Zytologie ein Antimykotikum, ein Antibiotikum und einen Glukokortikoid enthalten. Moderne Depot-Tropfen mit langer Wirkdauer, etwa über sieben bis zwanzig Tage, vereinfachen die Compliance.
Schritt drei ist die Behandlung der Grundursache. Bei einer atopisch bedingten Otitis ist das Apoquel, Cytopoint oder eine spezifische Immuntherapie. Bei Futtermittelallergie ist es die Eliminationsdiät. Bei Hypothyreose ist es die Substitution mit Levothyroxin. Wer hier abkürzt, sieht den Hund in vier Wochen wieder.
Bei resistenten Bakterien, vor allem Pseudomonas aeruginosa, ist eine Behandlung nach Antibiogramm Pflicht. Pseudomonaden bilden Biofilme, die klassische Tropfen schlecht durchdringen, weshalb mechanische Spülung in Sedation und gezielte Wirkstoffwahl erfolgsentscheidend sind. Lokal werden Spülungen mit verdünnter Essigsäure oder TrizEDTA-Lösungen eingesetzt, systemisch in schweren Fällen Fluorchinolone. In der modernen Veterinärmedizin sind ohrspezifische antibiotic-stewardship-Empfehlungen Standard, was die Praxis nachhaltig verändert hat und gerade in Österreich von der Österreichischen Tierärztekammer aktiv begleitet wird. Bei chronischer Otitis empfiehlt sich eine engmaschige Kontrolle alle zwei bis vier Wochen und gegebenenfalls Vorstellung in einer dermatologischen Spezialpraxis mit Diplomate-ECVD-Kompetenz. Eine Übersicht zu Anlaufstellen findest du in der Tierarztsuche.
Welche Rolle spielt die Otitis media?
Bei chronischen oder rezidivierenden Otitiden müssen wir immer an die Otitis media denken, also die Ausweitung der Entzündung auf das Mittelohr. Studien zeigen, dass etwa fünfzig bis achtzig Prozent der chronischen externen Otitiden auch das Mittelohr beteiligen, oft sogar bei intaktem Trommelfell. Die Diagnose ist klinisch nicht zu stellen, sondern erfordert Bildgebung mittels CT oder MRT, kombiniert mit Myringotomie und Probenentnahme aus der Bulla unter Narkose.
Klinische Hinweise sind chronischer Therapieerfolg ohne dauerhafte Heilung, Schmerzen beim Öffnen des Mauls, Schiefhaltung des Kopfes, Gleichgewichtsprobleme und Hornersches Syndrom mit hängendem Lid und enger Pupille auf der betroffenen Seite. Die Therapie ist oft langwierig, kombiniert systemische Antibiotika nach Antibiogramm mit lokaler Spülung und einer konsequenten Behandlung der Grundursache. Bei nicht kontrollierbarer Otitis media ist die TECA mit Bulla Osteotomie indiziert.

Wann ist eine TECA-Operation indiziert?
Wenn eine chronische Otitis nicht mehr beherrschbar ist, weil der Gehörgang verkalkt, das Trommelfell zerstört und die Mittelohrhöhle dauerhaft entzündet ist, bleibt als ultima ratio die Total Ear Canal Ablation mit Bulla Osteotomie, kurz TECA-BO. Dabei wird der gesamte Gehörgang chirurgisch entfernt und die Mittelohrhöhle ausgeräumt. Das klingt drastisch, ist aber für viele chronisch leidende Hunde die einzige Möglichkeit, schmerzfrei zu werden.
Indikation ist die irreversible chronische Otitis, häufig bei Cocker Spaniels nach jahrelangem Verlauf. Auch bei Tumoren des Gehörgangs ist die TECA Therapie der Wahl. Voraussetzung ist eine sorgfältige präoperative Diagnostik mit CT, weil die Anatomie der Bulla individuell unterschiedlich ist. Der Eingriff wird ausschließlich von erfahrenen Weichteilchirurgen in spezialisierten Zentren durchgeführt, in Österreich vor allem an der Vetmeduni Wien und an wenigen großen Privatkliniken.
Der Hund verliert auf der operierten Seite das Hörvermögen, was er aber meist gut kompensiert, vor allem weil er zuvor durch die chronische Entzündung ohnehin kaum noch hörte. Komplikationen sind möglich, aber bei korrekter Indikation und Technik selten. Die Lebensqualität nach TECA ist nach übereinstimmender Literatur in den allermeisten Fällen massiv besser. Kosten in Österreich und Deutschland liegen je nach Klinik zwischen zweitausendfünfhundert und fünftausend Euro pro Seite, was die Bedeutung einer guten Tierkrankenversicherung noch einmal verdeutlicht.
Wie sieht eine sinnvolle Heimpflege aus?
Heimpflege bei Otitis-anfälligen Hunden besteht aus regelmäßiger, schonender Kontrolle und Reinigung mit einem tierärztlich empfohlenen Reinigungsmittel. Verzichte auf Wattestäbchen jeglicher Art, weil sie Sekret in die Tiefe schieben, das Trommelfell verletzen und die Selbstreinigung des L-förmigen Gehörgangs zusätzlich behindern können. Stattdessen wird die Lösung in den Gehörgang appliziert, sanft massiert und der Hund anschließend zum Kopfschütteln animiert. Mit einem weichen Tuch oder einem Mullkompressentupfer wird der Eingang gesäubert.
Nach dem Schwimmen und Baden gehört das Ohr getrocknet, idealerweise mit einem speziellen Trockner-Drying-Spray, das die Restfeuchtigkeit bindet. Bei Rassen mit Haarwuchs im Gehörgang, etwa Pudel, kann das vorsichtige Auszupfen einzelner Haare durch geschultes Personal sinnvoll sein, wenn dadurch die Belüftung verbessert wird. Routinemäßiges Auszupfen ist nach aktueller Studienlage nicht empfehlenswert, weil es Mikrotraumen verursacht. Wer in Wien, Salzburg, Linz, München oder Köln einen erfahrenen Groomer hat, kann das mit der behandelnden Tierärztin abstimmen.
Wichtig: Bei Anzeichen einer Entzündung wie Rötung, Geruch, Sekret oder Kopfschütteln gehört der Hund vor jeder Eigenbehandlung in die Praxis. Eine ergänzende Anleitung zur richtigen Pflege findest du in unserem Beitrag zur Ohrenpflege beim Hund.
Wann sofort zum Tierarzt?
Sofortige Vorstellung gehört zur Pflicht bei plötzlicher Schiefhaltung des Kopfes, Drehbewegungen, Nystagmus (zuckende Augenbewegungen) oder Gleichgewichtsstörungen. Das spricht für eine Mittelohrentzündung mit Beteiligung des Vestibularorgans. Auch starke Schmerzen, eitriger oder blutiger Ausfluss, hochgradige Schwellung, Fieber und Apathie sind Notfallindikationen.
Tierärztlicher Blick
Aus tierärztlicher Sicht ist die Ohrenentzündung beim Hund das Lehrbeispiel dafür, wie wichtig systematische Diagnostik ist. Wir sehen wöchentlich Hunde, die seit Monaten mit immer denselben Tropfen behandelt werden, ohne dass je eine Zytologie gemacht wurde. Das Ergebnis sind Resistenzen, chronisch verdickte Gehörgänge und am Ende die TECA, die durch frühzeitige Aufarbeitung in vielen Fällen vermeidbar gewesen wäre.
Wir empfehlen, jede Otitis ernst zu nehmen, eine zytologische Diagnostik zu fordern, die Grundursache mit abzuklären und die Heimpflege als ergänzende Maßnahme zu verstehen, nicht als Ersatz für tierärztliche Versorgung. Hängeohrhalter sollten Routinekontrollen jährlich, idealerweise sogar halbjährlich, einplanen, vor allem im Frühjahr und Herbst, wenn die Allergielast besonders hoch ist. Auch ein einfaches Foto vom Gehörgang vor und nach der Behandlung hilft dir und uns, die Verläufe seriös zu beurteilen, anstatt sich auf das Bauchgefühl zu verlassen. Eine spezialisierte Praxis findest du jederzeit über go4vet.com/tierarzt.
Häufige Fragen zur Ohrenentzündung beim Hund
Quellen
Hol dir deinen persönlichen Bereich mit gespeicherten Beiträgen, Empfehlungen und Tierarzt-Terminen.
Mein go4vet kostenlos starten