Islandpferdereiten: Tölt, Rennpass, Reitstil, Haltung
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Islandpferdereiten ist mehr als nur ein Trendthema, es ist eine eigene Reitkultur mit fünf Gangarten, robuster Pferdeart und einer engen Bindung zwischen Reiter und Tier. Das Islandpferd bringt mit Tölt und Rennpass zwei Spezialgangarten mit, die kein anderes Reitpferd in dieser Klarheit beherrscht. Wer in Österreich, Deutschland oder der Schweiz mit dem Islandpferd starten möchte, findet eine wachsende Szene mit Vereinen, Kursen und Turnieren. Gleichzeitig hat das Islandpferd andere Anforderungen an Haltung, Fütterung und Training als Warmblut oder Quarter Horse. Dieser Ratgeber erklärt, welche Gangarten du lernst, wie das Reiten aussieht, was Haltung und Pflege kosten und welche Fehler du als Einsteiger vermeiden solltest. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Klein, aber kein Pony
Islandpferde messen meist nur 135 bis 145 Zentimeter Stockmaß und werden trotzdem nie als Pony, sondern immer als Pferd bezeichnet. Sie tragen Erwachsene problemlos und gelten als robust, langlebig und charakterstark. Wer Islandpferd reitet, sollte trotzdem auf das Gewicht achten: Faustregel ist maximal 20 Prozent des Pferdegewichts inklusive Sattel.
Welche fünf Gangarten beherrscht das Islandpferd?
Das Islandpferd ist eine der wenigen Rassen weltweit, die alle drei Grundgangarten (Schritt, Trab, Galopp) plus zwei Spezialgangarten (Tölt und Rennpass) beherrscht. Tölt ist die berühmteste Gangart, ein gleichmäßiger, erschütterungsfreier Viertakt, bei dem du bequem im Sattel sitzt, während das Pferd hohe Geschwindigkeiten erreicht. Geübte Pferde töltern bis zu 30 Kilometer pro Stunde, ohne dass der Reiter ins Wackeln kommt. Rennpass ist die zweite Spezialgangart, ein Zweitakt mit gleichseitigen Beinpaaren, der Geschwindigkeiten bis zu 50 Kilometer pro Stunde ermöglicht und vor allem im Sport gezeigt wird.
Nicht jedes Islandpferd beherrscht alle fünf Gangarten gleich gut. Viergänger zeigen Schritt, Trab, Galopp und Tölt, aber keinen sauberen Rennpass. Fünfgänger beherrschen zusätzlich den Rennpass und gelten in der Zucht als besonders wertvoll. Die Veranlagung ist genetisch festgelegt, kann aber durch Training gefördert oder verkümmert werden. Wer ein Islandpferd kauft, sollte auf eine Probegang testen lassen, ob die Gangarten klar getrennt und sauber abrufbar sind.

Wie unterscheidet sich Islandpferdereiten vom klassischen Reiten?
Der größte Unterschied liegt im Sitz und in der Hilfengebung. Islandpferdereiter sitzen tiefer, mit eher langem Bügel und weichem Becken. Im Tölt verschiebt sich das Gewicht leicht nach hinten, damit das Pferd den Rücken aufwölben und die Hinterhand untersetzen kann. Die Zügelhilfen sind feiner und stiller als beim klassischen Englischreiten, weil das Islandpferd auf kleinste Gewichtsverlagerungen reagiert. Geübte Reiter steuern weite Strecken nahezu ohne sichtbare Hilfen.
Auch der Sattel sieht anders aus. Islandsättel haben einen kleineren Sitz, kürzere Schweißblätter und sind so geformt, dass der Reiter weiter hinten sitzt als beim klassischen Dressursattel. Das hat anatomische Gründe: Die kurze Lendenwirbelsäule des Islandpferds verträgt kein Gewicht direkt hinter dem Widerrist. Wer einen unpassenden Englischsattel verwendet, riskiert Rückenprobleme und Bewegungseinschränkungen. Eine professionelle Sattelanpassung ist Pflicht und kostet in Österreich zwischen 80 und 200 Euro.
Auch die Trense ist oft schmaler und die Gebissauswahl reduzierter, denn Islandpferde reagieren sehr fein. Wer von einem Großpferd umsteigt, muss umlernen, denn was am Warmblut als „weich“ gilt, wirkt am Islandpferd schon überdeutlich. Reiterliche Geduld und Feingefühl zahlen sich aus.
Wie hält man ein Islandpferd artgerecht?
Islandpferde sind extrem robust und in Island an karge Weiden, kalte Winter und viel Bewegung gewöhnt. In Mitteleuropa brauchen sie deshalb eine Haltung, die diesem Naturell gerecht wird. Die ideale Form ist der Offenstall mit Weidegang oder Paddockzugang rund um die Uhr und Herdenanschluss. Boxenhaltung allein ist für Islandpferde meist eine Belastung und führt zu Verhaltensauffälligkeiten wie Koppen, Weben oder Unruhe. Eine ergänzende Anleitung zum Stallbau findest du in unserem Beitrag zur Pferdebox selber bauen.
Die Weide sollte mager sein, ähnlich der heimischen Heide- oder Hutweide. Eine üppige deutsche Fettwiese ist gefährlich, denn Islandpferde sind extrem futterefficient und entwickeln auf zucker- und proteinreichem Gras schnell Übergewicht, EMS und Hufrehe. Lege bei Bedarf einen Sandauslauf, ein Heunetz mit langsamer Aufnahme oder eine Maulkorb-Lösung an. Mehr zu typischen Risiken erfährst du in unserem Beitrag zu Dickmachern für Pferde.
Im Winter brauchen Islandpferde keine Decke, ihr doppellagiges Fell und die dichte Unterwolle schützen problemlos bis minus 20 Grad. Was sie aber brauchen, ist trockener Unterstand, sauberes Wasser (auch bei Frost) und genug Raufutter. Ein gut geplanter Offenstall mit Windschutz, trockener Liegefläche und Heuraufe deckt 90 Prozent der Bedürfnisse ab.
Was kostet ein Islandpferd in Anschaffung und Haltung?
Der Kaufpreis schwankt stark. Ein gut ausgebildetes Freizeit-Islandpferd kostet in Österreich und Deutschland zwischen 6.000 und 15.000 Euro, ein Sportpferd mit Turniererfolgen kann 25.000 Euro und mehr kosten. Direktimporte aus Island starten ab etwa 4.000 Euro plus Transport und Quarantäne, was zusätzlich rund 3.000 bis 5.000 Euro ausmacht. Junge, ungerittene Pferde sind günstiger, brauchen aber eine fundierte Ausbildung, die wieder Geld kostet.
Die laufenden Haltungskosten liegen zwischen 250 und 600 Euro pro Monat, abhängig von Region, Stallform und Versorgung. Offenstall mit Selbstversorgung am Eigentum kann unter 200 Euro liegen, ein Vollservice-Stall in einer Großstadt schnell über 500. Dazu kommen Tierarzt (Routine 200 bis 400 Euro pro Jahr), Hufschmied (alle sechs bis acht Wochen 60 bis 120 Euro), Versicherung und Equipment. Eine Pferdekrankenversicherung liegt je nach Tarif zwischen 30 und 100 Euro pro Monat und kann im OP-Fall fünfstellige Beträge auffangen.
Welche Turnier- und Sportoptionen gibt es?
Das Islandpferdesportgeschehen hat in Mitteleuropa eine lebhafte Szene mit eigenen Verbänden. In Deutschland organisiert IPZV (Islandpferde-Reiter- und Züchterverband), in Österreich der IPZV Austria. Klassische Wettbewerbsformen sind Tölt-Prüfungen, Viergang- und Fünfgangprüfungen, Pass-Disziplinen und Geländeritte. Die Weltmeisterschaften finden alle zwei Jahre statt und gelten als Höhepunkt im internationalen Islandpferdesport.
Für Einsteiger lohnen sich Kurse bei IPZV-anerkannten Trainern. Eine Reitstunde kostet in Österreich und Deutschland zwischen 35 und 70 Euro. Wer ernsthaft turnieren will, plant zusätzlich Trainerlehrgänge, Materialinvestitionen (Sattel, Trense, Turnierkleidung) und Reisekosten. Auch ohne Sportambitionen sind Wanderritte und Trekkingtouren beliebt, gerade in Island selbst, wo mehrtägige Reitreisen mit Herde durchs Hochland angeboten werden.
Welche typischen Anfängerfehler sollten Islandpferd-Reiter vermeiden?
Fehler eins ist die falsche Haltung. Wer ein Islandpferd in eine luxuriöse Box mit Fettwiese stellt, riskiert Übergewicht und Hufrehe binnen Monaten. Fehler zwei ist falsches Equipment, vor allem unpassende Englischsättel ohne anatomische Anpassung. Fehler drei ist Übertraining im Tölt: Junge oder ungeübte Pferde sollten erst die Grundgangarten festigen, bevor der Tölt forciert wird, sonst entstehen Taktfehler und Verspannungen. Auch zu schnelles Steigern der Geschwindigkeit überfordert die Hinterhand.
Fehler vier ist die mentale Komponente: Islandpferde sind sehr intelligent, lernen schnell und merken sich auch unerwünschte Verhaltensweisen. Inkonsequenz im Training führt zu Pferden, die Grenzen austesten oder sich verweigern. Klare, konsequente und vor allem ruhige Ausbildung ist Pflicht. Fehler fünf ist mangelnde Bewegung im Alltag: Ein Islandpferd braucht täglich mehrere Stunden Bewegung, Stehen in der Box ist Stress pur. Mehr zur Aufbauarbeit findest du in unserem Beitrag zum Muskelaufbau beim Pferd.

Welche gesundheitlichen Besonderheiten haben Islandpferde?
Islandpferde sind grundsätzlich sehr robust und werden oft 30 Jahre alt oder älter. Die häufigste Gesundheitsfalle ist Übergewicht mit allen Folgen: Hufrehe, EMS, Insulinresistenz und Cushing. Auch Sommerekzem ist verbreitet, eine allergische Reaktion auf Stiche von Kriebelmücken. Betroffene Pferde reiben sich Mähne und Schweif blutig und brauchen Ekzemerdecken, Mückenschutz und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung.
Eine weitere Besonderheit ist die ausgeprägte Anfälligkeit für Atemwegsinfekte direkt nach Import aus Island, weil die Pferde dort keinerlei Kontakt zu europäischen Krankheitserregern hatten. Plane bei Importtieren eine Quarantäne und einen sehr behutsamen Übergang ein. Eine vernünftige Fütterungsempfehlung für dein Pferd ist gerade beim Islandpferd der Schlüssel zur lebenslangen Gesundheit.
Wie sieht das richtige Training für Islandpferde aus?
Das Training eines Islandpferds ist Vielseitigkeit pur. Klassisches Bahnreiten, Geländeritte, Stangenarbeit, Bodenarbeit und gezieltes Tölttraining gehören in jeden Trainingsplan. Wer ausschließlich auf der Ovalbahn töltert, verkürzt das Bewegungsrepertoire und riskiert einseitige Belastung. Eine ausgewogene Woche kann zwei Bahn-Einheiten, einen Geländeritt, einen Bodenarbeitstag und einen Ruhetag enthalten. Junge Islandpferde sollten schrittweise ans Reiten gewöhnt werden, nicht vor dem fünften Lebensjahr richtig angeritten werden, weil die Wachstumsfugen noch offen sind.
Im Tölttraining ist Geduld die wichtigste Tugend. Tölt entsteht aus einem aktiven, schwingenden Rücken und einer untertretenden Hinterhand. Wer auf den Tölt drückt, ohne diese Voraussetzungen zu schaffen, bekommt taktunreine, eckige Bewegungen. Beginne deshalb immer mit Schritt-Trab-Galopp-Übergängen, gymnastiziere die Hinterhand mit Volten und Übergängen und verlange Tölt erst, wenn das Pferd locker und durchlässig ist. Übergänge zwischen Tölt und Trab oder Tölt und Galopp helfen, die Gangart sauber abrufbar zu machen.
Auch die Hilfengebung muss differenziert sein. Tölt bedeutet sitzen, Trab bedeutet leichttraben oder aussitzen, je nach Pferd. Wer im Tölt aussitzt, blockiert den Rücken. Wer im Trab sitzt, kann den Takt stören. Reitstunden bei einem erfahrenen Islandpferd-Trainer lohnen sich gerade in den ersten Jahren, weil viele Feinheiten nicht selbsterklärend sind und Bücher diese Erfahrung nur bedingt ersetzen.
Welche Geschichte und Zucht stecken hinter dem Islandpferd?
Die Geschichte der Islandpferde reicht über 1.100 Jahre zurück. Wikingersiedler brachten die Vorfahren um das Jahr 874 nach Island, von dort entwickelte sich eine isolierte Population, die durch ein striktes Importverbot seit 982 keinerlei Vermischung mit anderen Rassen mehr erlebte. Diese genetische Reinheit macht das Islandpferd zu einer der ältesten reinrassigen Pferderassen der Welt. Wer heute ein Islandpferd kauft, kann fast immer den Stammbaum bis zu den ursprünglichen Linien zurückverfolgen.
Die Zucht in Island ist streng reglementiert, jede Paarung wird im internationalen Zuchtverband WorldFengur dokumentiert. Bewertet werden Exterieur (Körperbau), Bewegungsqualität in allen Gangarten und Charakter. Hengste müssen eine Zuchtprüfung bestehen, bevor sie eingesetzt werden dürfen. Auch in Österreich und Deutschland gibt es anerkannte Zuchten, die nach denselben Standards arbeiten und im IPZV organisiert sind. Wer ein Pferd kaufen will, sollte auf einen Eintrag im WorldFengur und auf eine seriöse Zuchtprüfung achten.
Eine Besonderheit ist der Importweg. Pferde, die einmal Island verlassen haben, dürfen nie zurückkehren, um die isländische Population vor eingeschleppten Krankheiten zu schützen. Das macht Direktimporte aus Island einzigartig und gleichzeitig ethisch verantwortungsvoll, denn jedes Pferd, das Island verlässt, ist eine endgültige Entscheidung für ein Leben in Mitteleuropa. Wer sich für einen Import entscheidet, sollte sich auf eine längere Eingewöhnungsphase einstellen, in der das Pferd Klimawechsel, neue Futtermittel und unbekannte Erreger verarbeiten muss. Ein erfahrener Tierarzt und ein einfühlsamer Trainer sind in dieser Zeit Gold wert und legen das Fundament für viele gemeinsame Reitjahrzehnte mit einer Rasse, die in Mitteleuropa zunehmend Liebhaber findet und ihre eigene Reitkultur konsequent etabliert hat. Wer einmal sauber tölten gelernt hat, möchte selten wieder zurück und entdeckt im weichen, gleichmäßigen Tritt eine ganz neue Form von Reiten.
Tierärztlicher Blick
Aus tierärztlicher Sicht sind Islandpferde dankbare Patienten, weil sie meist sehr gesund und langlebig sind. Probleme entstehen fast immer durch falsche Haltung oder Fütterung in Mitteleuropa. Wer sein Islandpferd in einem Offenstall mit magerer Weide, viel Bewegung und Heunetz hält, hat selten ernsthafte Sorgen. Wer dagegen Boxenhaltung mit Müsli und Fettwiese kombiniert, sieht uns Tierärzte regelmäßig wegen Hufrehe und Stoffwechselproblemen.
Lass jährlich einen Routinecheck inklusive Zahnkontrolle und Hufstatus machen, gerade Islandpferde neigen zu Zahnproblemen, weil sie weniger mahlende Bewegung im Vergleich zu Großpferden haben. Auch eine Stoffwechseluntersuchung mit Insulin- und ACTH-Wert ist alle zwei bis drei Jahre sinnvoll, vor allem ab dem zwölften Lebensjahr. Den passenden Tierarzt mit Erfahrung in der Islandpferdehaltung findest du über unser Verzeichnis unter go4vet.com/tierarzt.
Häufige Fragen zum Islandpferdereiten
Quellen
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