Hund kann nicht aufstehen
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Wenn dein Hund plötzlich nicht mehr aufstehen kann, ist das ein dramatisches Symptom mit vielen möglichen Ursachen. Vielleicht liegt er morgens steif auf seinem Lager und winselt beim Versuch, sich zu erheben. Vielleicht hat er nach einem Sprung vom Sofa schlagartig die Hinterhand verloren und schleift sie nach. Vielleicht zittert er, hechelt und schaut dich verzweifelt an. Hinter dem Symptom Aufstehprobleme verbergen sich orthopädische, neurologische, internistische und vergiftungsbedingte Ursachen. Manche sind banal und gut behandelbar, andere sind echte Notfälle mit Zeitfenstern von wenigen Stunden, in denen Diagnostik und Therapie über das weitere Leben deines Hundes entscheiden. Dieser tierärztlich überprüfte Ratgeber führt dich durch einen klaren Notfall-Algorithmus, erklärt die wichtigsten Differenzialdiagnosen wie IVDD (Bandscheibenvorfall), FCE (fibrokartilaginäre Embolie) und Polymyositis, und zeigt dir, wann du sofort in die Klinik fahren musst und wann du noch beobachten darfst. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Notfall: Akuter Hinterhand-Ausfall
Plötzlicher Verlust der Hinterhand, Zittern, hochgradige Schmerzäußerung, fehlender Tiefenschmerz oder Inkontinenz sind Warnzeichen für einen Bandscheibenvorfall mit Rückenmarkskompression. Das Zeitfenster für eine erfolgreiche Operation liegt oft unter 24 Stunden. Fahre umgehend in eine Klinik mit Neurochirurgie und MRT.
Warum kann dein Hund nicht aufstehen?
Aufstehprobleme sind ein Symptom, keine Diagnose. Bevor du den Hund bewegst oder Schmerzmittel gibst, hilft es, die Situation in eine von vier Gruppen einzuordnen. Erstens: orthopädische Ursachen, also Probleme an Knochen, Gelenken, Bändern oder Muskeln. Zweitens: neurologische Ursachen, also Probleme an Rückenmark, Nerven oder Gehirn. Drittens: internistische Ursachen, etwa Schwäche durch Anämie, Herzversagen, Hypoglykämie oder Endokrinopathien. Viertens: toxische Ursachen wie Schmerz- oder Antikoagulanzienvergiftung, Schlangenbisse, Drogen oder Schneckenkorn.
Beobachte sehr genau und dokumentiere mental: Hat der Hund die Vorderhand frei, aber nicht die Hinterhand? Sind alle vier Gliedmaßen betroffen? Schreit er beim Anheben? Wirkt er apathisch oder aufmerksam? Ist Urin oder Kot abgesetzt? Setzt er den Kopf gerade oder schief? Diese Beobachtungen sind die wichtigste Information für den Tierarzt und entscheiden über die Reihenfolge der Diagnostik.
Bei akuter Hinterhandschwäche bei chondrodystrophen Rassen wie Dackel, Französische Bulldogge oder Cocker Spaniel ist ein Bandscheibenvorfall die häufigste Ursache. Bei großen Rassen mit chronischen Aufstehproblemen liegt häufig Arthrose oder Hüftgelenksdysplasie vor, mehr dazu im Beitrag Arthrose beim Hund.

Was ist der Bandscheibenvorfall (IVDD) und warum ist er ein Notfall?
IVDD steht für Intervertebral Disc Disease, die häufigste neurologische Notfallursache beim Hund. Die Bandscheibe degeneriert, ihr Gallertkern (Nucleus pulposus) bricht durch den Faserring und drückt auf das Rückenmark. Je nach Verlauf unterscheiden Tierneurologen Hansen Typ I (akute Extrusion bei chondrodystrophen Rassen) und Hansen Typ II (chronische Protrusion bei großen Rassen).
Klinisch reicht das Spektrum von leichten Rückenschmerzen bis zur kompletten Querschnittlähmung. Tierneurologen klassifizieren in fünf Schweregrade. Grad eins ist Schmerz ohne neurologische Ausfälle. Grad zwei zeigt Ataxie, Grad drei Lähmung mit erhaltener Schmerzwahrnehmung, Grad vier Lähmung mit Inkontinenz, Grad fünf komplette Lähmung ohne Tiefenschmerz. Mit jedem Schweregrad sinkt die Prognose und das therapeutische Zeitfenster wird kleiner.
Der entscheidende Test ist der Tiefenschmerztest. Der Tierarzt klemmt mit einer Klemme in den Zehenballen und beobachtet, ob der Hund mit Lautäußerung oder Kopfwendung reagiert. Bei erhaltener Tiefenschmerzwahrnehmung liegt die OP-Erfolgsrate bei über 90 Prozent. Ohne Tiefenschmerz und mit operativer Entlastung innerhalb von 24 bis 48 Stunden noch bei rund 60 Prozent. Nach 48 Stunden sinkt die Chance auf bleibende Lähmung dramatisch.
Die Diagnose erfolgt mittels MRT, Notfall-CT-Myelographie ist eine Alternative. Die Therapie ist bei Grad drei und höher operativ (Hemilaminektomie). Konservative Behandlung mit strikter Käfigruhe über vier bis sechs Wochen, Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Medikamenten ist nur bei Grad eins und zwei sinnvoll.
Was ist eine fibrokartilaginäre Embolie (FCE)?
FCE ist ein Schlaganfall des Rückenmarks. Ein Stück degenerierter Bandscheibengewebe gelangt in ein kleines Rückenmark-Gefäß und blockiert die Durchblutung, das Rückenmark nekrotisiert lokal. Klinisch zeigt sich plötzlicher, oft asymmetrischer Ausfall einer Hintergliedmaße oder einer Körperhälfte, meist während oder kurz nach Bewegung (Sprung, Wettrennen). Schmerzen treten bei FCE typischerweise nicht auf, ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zum Bandscheibenvorfall.
Betroffen sind häufig große, athletische Rassen wie Labrador, Schäferhund oder Doggen. Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose, MRT zeigt häufig keine offensichtliche Pathologie oder eine umschriebene Nekrosezone. Eine spezifische Therapie gibt es nicht, die Behandlung ist supportiv mit Physiotherapie, Pflege und Rehabilitation. Die Prognose ist meist gut, viele Hunde erholen sich über Wochen bis Monate weitgehend.
Die Unterscheidung zwischen IVDD und FCE ist klinisch oft schwierig und braucht MRT-Diagnostik. Trotzdem entscheidet schon die Anamnese (Schmerz oder kein Schmerz, symmetrisch oder asymmetrisch, plötzlich oder progredient) über die Dringlichkeit. Im Zweifel handle wie bei IVDD und fahre sofort in die Klinik.
Welche weiteren Ursachen gibt es?
Polymyositis ist eine Muskelentzündung, die zu generalisierter Muskelschwäche, Schmerzen beim Aufstehen und manchmal Schluckstörungen führt. Sie tritt sowohl idiopathisch als auch im Rahmen von Autoimmunerkrankungen oder Infektionen (Toxoplasmose, Leishmaniose) auf. Diagnostik mittels Kreatinkinase, Muskelbiopsie und Antikörpertiter, Therapie mit Immunsuppressiva.
Myasthenia gravis ist eine neuromuskuläre Übertragungsstörung, die zu belastungsabhängiger Schwäche führt. Der Hund läuft eine Strecke, wird zunehmend schwächer, legt sich hin, erholt sich nach kurzer Pause. Diagnostik über Acetylcholinrezeptor-Antikörper, Therapie mit Pyridostigmin.
Internistische Ursachen wie schwere Anämie (Babesiose, Immunhämolyse, innere Blutung), Herzinsuffizienz, Hypoglykämie (Welpen, Diabetiker, Insulinom), Hypothyreose, Morbus Addison oder Hypokaliämie zeigen Schwäche bis Kollaps. Hier helfen Blutbild, Elektrolyte, Schilddrüsenwerte und Glukosemessung. Mehr zu Schwächezuständen findest du im Beitrag Durchfall beim Hund, dort werden auch Elektrolytstörungen behandelt.
Toxische Ursachen sind oft akut und dramatisch. Schneckenkorn (Metaldehyd) verursacht Krämpfe und Lähmungen. Antikoagulanzien-Rodentizide führen zu Blutungen und Schwäche. Permethrin (für Katzen toxisch, für Hunde meist tolerierbar, in hoher Dosis aber problematisch) verursacht neurologische Symptome. Schlangenbisse (Kreuzotter in Österreich) führen zu Schwellung, Schmerz und Lähmung.

Was ist der Notfall-Algorithmus für zu Hause?
Bewahre Ruhe und beobachte zwei Minuten. Sind alle vier Beine betroffen oder nur die Hinterhand? Reagiert der Hund auf deine Stimme? Hat er Urin oder Kot abgesetzt? Schreit er beim Berühren? Ist die Atmung normal oder beschleunigt?
Bewege den Hund nicht ungesichert. Bei Verdacht auf IVDD ist jede Wirbelsäulenrotation gefährlich. Lege ihn auf eine harte, breite Unterlage (Backofenrost, Karton, Snowboard, Brett) und transportiere ihn als Einheit. Lasse ihn ruhig liegen, sprich beruhigend, aber zwinge ihn nicht zum Aufstehen. Gib niemals eigenmächtig Schmerzmittel, vor allem keine Humanmedikamente wie Ibuprofen oder Paracetamol, beide sind für Hunde toxisch.
Bei akutem Hinterhandausfall, fehlendem Tiefenschmerz, Kopfschiefhaltung, Bewusstseinsstörung oder Inkontinenz fahre sofort in die nächste Tierklinik mit MRT und Neurologie. Verständige unterwegs den Notdienst. Bei chronischer, schubweise wiederkehrender Aufstehschwäche bei einem alten Hund kannst du den nächsten Werktag abwarten und einen regulären Termin vereinbaren. Im Zweifel rufe die Klinik an und schildere die Symptome.
Achte auf die eigene Sicherheit. Hunde mit starken Schmerzen können defensiv aggressiv reagieren. Eine Maulschlinge aus einer Bandage ist im Notfall sinnvoll, vor allem bei Hunden ohne Vorwarnung. Eine gute Hundekrankenversicherung federt die Kosten für Notfall-MRT und Bandscheiben-OP, die schnell mehrere tausend Euro kosten können, wesentlich ab.
Wie pflegst du deinen Hund nach der Diagnose?
Nach Bandscheibenvorfall oder anderen neurologischen Erkrankungen folgt oft eine wochenlange Rehabilitation. Strikte Käfigruhe ist bei IVDD über vier bis sechs Wochen Pflicht, auch wenn der Hund sich besser fühlt. Jede Bewegung kann den Heilungsprozess unterbrechen.
Physiotherapie beschleunigt die Erholung deutlich. Passive Bewegungsübungen, Massage, Unterwasserlaufband, Lasertherapie und Elektrostimulation gehören zum modernen Standard. Suche eine zertifizierte Tier-Physiotherapeut:in in deiner Nähe oder lass dich von der Klinik weiterleiten.
Achte auf Druckstellen, Blasenmanagement (manche Hunde brauchen mehrmals täglich manuelle Blasenentleerung) und Hautpflege. Halte das Bett trocken, nutze rutschfeste Unterlagen und unterstütze beim Aufstehen mit einer Bauchgurt-Hilfe. Hochwertiges Seniorfutter mit Glucosamin, Chondroitin und Omega-3-Fettsäuren unterstützt die Geweberegeneration, mehr unter Seniorenfutter für Hunde.
Erwarte einen langen Atem. Manche Hunde laufen nach drei Wochen wieder, andere brauchen Monate, manche bleiben mit Restdefiziten. Bleibe in engem Kontakt mit deiner Tierneurologie-Praxis und passe Therapie und Belastung kontinuierlich an.
Tierärztlicher Blick: Was raten wir Haltern?
Aus tierärztlicher Sicht ist die wichtigste Botschaft: Ein Hund, der nicht aufstehen kann, gehört noch heute in die Praxis, nicht morgen. Auch wenn die Symptome sich nach wenigen Stunden bessern, kann eine ernste Pathologie dahinterstecken. Insbesondere bei chondrodystrophen Rassen und bei aktiven, athletischen Hunden ist die Schwelle zur Klinik niedrig anzusetzen.
Halter berichten oft, sie hätten zunächst abgewartet, weil der Hund sich beruhigt habe. Genau dieses Abwarten kostet bei IVDD wertvolle Stunden. Die OP-Erfolgsrate sinkt mit jeder Stunde nach dem akuten Ereignis. Lieber einmal zu viel in die Klinik fahren als einmal zu spät.
Über unsere Tierarztsuche findest du Praxen mit neurologischem Schwerpunkt und 24-Stunden-Notdienst. In Wien direkt über Tierarzt Wien. Halte die Telefonnummer deiner nächstgelegenen Notklinik im Smartphone gespeichert, das spart im Ernstfall wertvolle Minuten. Eine vorbereitete Trage (Backofenrost, dickes Brett) im Auto oder in der Garage kann Leben retten.
Bei chronischen Aufstehproblemen lohnt sich eine systematische Bestandsaufnahme. Filme deinen Hund über mehrere Tage in verschiedenen Situationen: nach längerem Liegen, nach Spaziergang, morgens, abends. Diese Videos sind für den Tierarzt eine wertvolle Diagnostikgrundlage und zeigen Asymmetrien, die im Untersuchungszimmer oft nicht sichtbar sind. Notiere ergänzend Schmerzhinweise wie Hecheln in Ruhe, verändertes Schlafverhalten oder Vermeiden bestimmter Bewegungen. Bei alten Hunden mit kombinierten Symptomen (Aufstehprobleme plus Verhaltensänderungen) muss neben Arthrose auch an die kognitive Dysfunktion gedacht werden, mehr dazu im Beitrag Zeckenstich beim Hund, der auch zeckenübertragene neurologische Erkrankungen behandelt.
Eine konsequente Gewichtskontrolle ist die wirksamste nicht-medikamentöse Maßnahme bei orthopädischen Problemen. Schon drei bis fünf Prozent Gewichtsabnahme reduzieren die Schmerzbelastung der Gelenke spürbar. Hochwertige Kalorienkontrolle gelingt am besten mit speziellen Diätfuttern, mehr unter Hundefutter. Halte den Hund schlank, sichere die Wohnung mit rutschfesten Läufern und nutze Treppenhilfen oder Auffahrrampen für das Auto.
Akzeptiere, dass manche neurologischen Verläufe trotz bester Therapie zu bleibenden Defiziten führen. Hunde mit Restlähmungen können trotzdem ein gutes Leben führen, wenn die Familie bereit ist, Anpassungen vorzunehmen. Hunderollstühle, Bauchgurte, regelmäßige Blasenmanipulation und konsequente Hautpflege gehören zum Pflegealltag. Online gibt es aktive Selbsthilfegruppen für Halter:innen von neurologisch beeinträchtigten Hunden, dort findest du Erfahrungswerte und emotionale Unterstützung. Ein Tier-Physiotherapeut sollte fester Teil der Behandlungsequipe sein.
Wichtiger Hinweis: Sprünge vermeiden bei Risiko-Rassen
Dackel, Französische Bulldogge, Cocker Spaniel, Basset und Beagle haben ein erhöhtes Risiko für Bandscheibenvorfälle. Vermeide Sprünge vom Sofa, vom Bett oder ins und aus dem Auto. Nutze Hunderampen, halte das Hundegewicht im Idealbereich und vermeide ruckartige Bewegungen, besonders nach längerer Ruhephase.
Häufige Fragen wenn der Hund nicht aufstehen kann
Quellen
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