Hundefutter ohne Getreide
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Hundefutter ohne Getreide ist seit Jahren einer der größten Trends im Tiernahrungsmarkt in Deutschland und Österreich (AT) und wird oft als gesündere, artgerechtere Alternative beworben. Die Realität ist deutlich differenzierter. Während eine echte Getreideunverträglichkeit oder eine seltene Allergie gegen Weizen, Gerste oder Mais tatsächlich vorkommt, ist sie bei Hunden viel seltener als die Verpackungswelt suggeriert. Gleichzeitig hat die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) ab 2018 mehrfach davor gewarnt, dass bestimmte getreidefreie Rezepturen mit hohem Anteil an Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen oder Kichererbsen mit einer dilatativen Kardiomyopathie (DCM) bei Hunden in Verbindung gebracht werden, einer schwerwiegenden Herzerkrankung. Dieser Ratgeber trennt für dich Marketing-Mythen von echten Indikationen, erklärt, wann ein getreidefreies Futter wirklich sinnvoll ist, wann es eher schadet und worauf du beim Kauf achten musst. Du erfährst außerdem, wie eine echte Futtermittelallergie diagnostiziert wird und welche Alternativen zu pauschalen Getreidefrei-Konzepten existieren. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Auf einen Blick
Echte Getreideallergien beim Hund sind selten und betreffen weniger als zehn Prozent aller futterallergischen Hunde. Häufigste Allergene sind Rind, Milchprodukte und Huhn, nicht Getreide. Eine pauschale Getreidefrei-Fütterung ohne medizinische Indikation bietet keinen gesundheitlichen Vorteil und kann durch hohe Hülsenfruchtanteile sogar das Risiko für eine dilatative Kardiomyopathie (DCM) erhöhen. Die FDA-Warnung von 2018 bis 2020 ist für DACH-Halter relevant, weil viele Marken in beiden Märkten verkauft werden. Bei Verdacht auf Futtermittelallergie ist eine tierärztlich begleitete Eliminationsdiät die einzig zuverlässige Diagnostik.
Warum ist getreidefreies Hundefutter so beliebt?
Der Boom getreidefreier Futter beginnt in den frühen 2010er Jahren in den USA und schwappt schnell nach Europa. Die Marketing-Argumentation lautet meist: Hunde stammen vom Wolf ab, Wölfe fressen kein Getreide, also sei eine getreidefreie Ernährung artgerecht. Diese Argumentation greift aus mehreren Gründen zu kurz. Erstens haben Hunde im Lauf der Domestikation vor rund 15.000 Jahren genetische Anpassungen entwickelt, die ihnen erlauben, Stärke besser zu verdauen als Wölfe. Forschungen aus den letzten zehn Jahren zeigen, dass Hunde im Schnitt deutlich mehr Kopien des Amylase-Gens (AMY2B) besitzen als Wölfe, was die Verdauung von Stärke aus Getreide erleichtert.
Zweitens ist Getreide nicht automatisch ein Allergen. Echte IgE-vermittelte Allergien gegen Getreide sind beim Hund vergleichsweise selten. Die häufigsten Auslöser von Futtermittelallergien sind tierische Eiweißquellen wie Rind, Huhn oder Milchprodukte. Eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 in BMC Veterinary Research listet die häufigsten Allergene und stellt fest, dass Weizen mit ungefähr dreizehn Prozent eine untergeordnete Rolle spielt, deutlich hinter Rind (34 Prozent) und Milchprodukten (17 Prozent).
Drittens ist Getreide eine wertvolle Kohlenhydratquelle, liefert lösliche Ballaststoffe, B-Vitamine und Mineralstoffe. Hochwertige Getreidesorten wie Reis, Hafer oder Gerste sind gut verdaulich und werden in der Veterinärmedizin auch bei Hunden mit empfindlichem Magen-Darm-Trakt gezielt eingesetzt. Eine pauschale Ablehnung von Getreide ist daher fachlich nicht haltbar. Mehr Hintergrund zur ausgewogenen Hundeernährung im Übersichtsbeitrag Hundefutter.
Was hinter dem Boom oft steckt, ist eine Marketingstrategie. Getreidefreies Futter wird in höheren Preissegmenten positioniert und hat höhere Margen für Hersteller und Handel. Begriffe wie „artgerecht“, „natürlich“ oder „ahnenkonform“ sind rechtlich nicht definiert und können in der Regel ohne wissenschaftlichen Beleg auf jede Verpackung gedruckt werden. Eine kritische Studie aus dem British Journal of Nutrition aus dem Jahr 2019 verglich die Nährstoffversorgung von Hunden auf konventionellen und auf getreidefreien Diäten und konnte keinen messbaren gesundheitlichen Vorteil der getreidefreien Variante nachweisen, weder in Bezug auf Verdauung noch auf Hautqualität, Aktivität oder Lebensspanne. Bei Hunden mit erhöhtem DCM-Risiko fand sich dagegen ein zusätzlicher Risikohinweis, der für die individuelle Auswahl relevant ist.

Was steckt hinter der FDA-Warnung zur Herzerkrankung DCM?
Im Juli 2018 veröffentlichte die FDA eine Untersuchungsmitteilung zu einem auffälligen Anstieg von Fällen einer dilatativen Kardiomyopathie (DCM) bei Hunderassen, die genetisch nicht zu DCM neigen. Bis 2020 wurden mehr als tausend Fälle gemeldet, die mehrheitlich mit getreidefreien Futtern in Verbindung standen, die hohe Anteile an Hülsenfrüchten wie Erbsen, Linsen, Kichererbsen oder Kartoffeln enthielten. DCM ist eine schwere Erkrankung des Herzmuskels, die zu Herzinsuffizienz und unbehandelt zum Tod führt. Bei einem Teil der betroffenen Hunde besserten sich die Symptome nach einem Diätwechsel, was auf einen ernährungsbedingten Faktor hinweist.
Die genaue Ursache ist bis heute nicht endgültig geklärt. Diskutiert werden eine reduzierte Bioverfügbarkeit von Taurin durch hohe Anteile an Hülsenfrüchten, antinutritive Faktoren in bestimmten Pflanzenproteinen oder eine veränderte Aminosäurenzusammensetzung im Vergleich zu klassischen Rezepturen mit Getreide. Während die genaue Pathophysiologie weiter erforscht wird, ist der epidemiologische Zusammenhang stark genug, dass die FDA bis heute zur Vorsicht bei diesen Rezepturen mahnt. Die deutsche und österreichische Veterinärmedizin folgt dieser Einschätzung, weil viele der betroffenen Marken auch in Europa vertrieben werden.
Konkret heißt das für dich: Wenn dein Hund ein getreidefreies Futter mit hohem Hülsenfruchtanteil bekommt, lohnt sich der kritische Blick auf die Zutatenliste. Erbsen, Linsen oder Kichererbsen unter den ersten fünf Zutaten sind ein Warnsignal. Bei Rassen mit erhöhtem DCM-Risiko (Doberman, Boxer, Cocker Spaniel, Großpudel, Irish Wolfhound, Deutsche Dogge) ist Vorsicht doppelt wichtig. Bei Verdacht auf Herzbeteiligung gehört dein Hund in tierärztliche Abklärung mit Echokardiographie und Taurin-Spiegel-Bestimmung. Mehr zur tierärztlichen Vorsorge im Beitrag Tierarzt-Finder.
Wie erkennst du eine echte Futtermittelallergie?
Eine echte Futtermittelallergie zeigt sich beim Hund vor allem über die Haut und den Magen-Darm-Trakt. Typische Symptome sind chronischer Juckreiz besonders an Pfoten, Bauch, Achseln und Ohren, wiederkehrende Ohrentzündungen, Hautrötungen, Hot Spots, mäßiger bis starker Haarverlust an juckenden Stellen, chronisch weicher Kot oder häufiges Erbrechen ohne erkennbaren akuten Auslöser. Wichtig: Allergiesymptome treten nicht plötzlich auf, sondern entwickeln sich oft über Monate oder Jahre. Sie sind zudem ganzjährig vorhanden, anders als saisonale Allergien gegen Pollen oder Umweltallergene.
Die einzige zuverlässige Diagnostik ist eine Eliminationsdiät unter tierärztlicher Anleitung. Du fütterst über mindestens acht bis zwölf Wochen ausschließlich eine hypoallergene Diät mit hydrolysiertem Eiweiß oder eine sogenannte Novel-Protein-Diät mit einer Eiweißquelle, die der Hund nie zuvor bekommen hat (etwa Strauß, Pferd, Känguru). In dieser Phase sind keine anderen Snacks, keine Kausnacks, keine geschmackvollen Medikamente und keine Tischreste erlaubt. Verbessern sich die Symptome, folgt eine gezielte Provokation mit den verdächtigen Bestandteilen, um den Auslöser zu identifizieren.
Bluttests auf Futtermittelallergien werden auf dem Markt vielfach angeboten, gelten in der seriösen Veterinärmedizin aber als nicht aussagekräftig. Sie produzieren regelmäßig falsch-positive und falsch-negative Ergebnisse und können zu unnötig restriktiven Diäten führen. Die European College of Veterinary Dermatology und die American College of Veterinary Dermatology lehnen den routinemäßigen Einsatz dieser Tests ab. Mehr zur Diagnostik bei Hauterkrankungen im Beitrag Atopische Dermatitis Hund.
Welche Alternativen gibt es zu Getreide im Hundefutter?
Wenn dein Hund tatsächlich auf bestimmte Getreidearten reagiert, gibt es mehrere sinnvolle Alternativen. Die erste Option ist der Wechsel auf eine andere Getreidesorte, denn Allergien sind meist gegen ein bestimmtes Eiweiß spezifisch. Wer Weizen nicht verträgt, kann oft Reis, Hafer oder Hirse problemlos fressen. Reis ist besonders gut verdaulich und wird in der Veterinärmedizin häufig als Schonkost-Komponente eingesetzt.
Die zweite Option ist eine Getreidesubstitution mit alternativen Kohlenhydratquellen, die nicht zu den Hülsenfrüchten zählen. Süßkartoffel, Tapioka, Pastinake oder Quinoa sind hier brauchbare Optionen, wenn sie in moderaten Anteilen eingesetzt werden. Wichtig ist, dass die Rezeptur ausgewogen bleibt und keine extreme Konzentration einer einzelnen Komponente entsteht. Hochwertige getreidefreie Futter mit moderatem Hülsenfruchtanteil und alternativen Stärkequellen sind möglich, brauchen aber genaue Auswahl.
Die dritte Option ist eine selbst zubereitete Ration nach tierärztlicher Beratung. Ein selbst gekochtes Futter erlaubt die volle Kontrolle über die Zutaten und vermeidet versteckte Allergene. Es braucht aber eine berechnete Rezeptur, weil sonst schnell Mangelerscheinungen entstehen, vor allem bei Calcium, Phosphor, Spurenelementen und Vitaminen. Mehr dazu im Beitrag Welpenfutter und in unserem Artikel zu frisch gekochtem Hundefutter. Eine ausgewogene Hundeernährung lässt sich auch ohne pauschale Getreidefrei-Strategie sehr gut umsetzen.

Worauf solltest du beim Kauf von getreidefreiem Futter achten?
Wenn du dich nach Beratung mit deiner Tierärztin für ein getreidefreies Futter entscheidest, sind drei Kriterien zentral. Erstens eine begrenzte Anzahl klar deklarierter Eiweißquellen, vorzugsweise nur eine, um die spätere Identifikation eines Auslösers bei Reaktion zu erleichtern. Eine sogenannte Mono-Protein-Rezeptur mit nur einer Tierart (etwa Lamm pur oder Lachs pur) ist hier ideal.
Zweitens ein moderater Hülsenfruchtanteil. Erbsen, Linsen, Kichererbsen oder Bohnen sollten nicht unter den ersten fünf Zutaten stehen und in Summe nicht mehr als zwanzig bis 25 Prozent ausmachen. Achte auf die Reihenfolge der Zutatenliste, die nach Gewicht absteigend sortiert ist. Eine Verpackung, die mit „Erbsenprotein“, „Erbsenfaser“ und „Erbsenstärke“ hintereinander wirbt, lädt zur kritischen Prüfung ein, weil die einzelnen Erbsen-Bestandteile gemeinsam einen sehr hohen Anteil ausmachen können.
Drittens eine vollständige FEDIAF-konforme Mineralstoff- und Vitaminversorgung mit ausgewiesenem Taurin- oder Methionin-Cystein-Gehalt. Taurin ist für Hunde anders als für Katzen nicht streng essentiell, kann aber bei bestimmten Rassen oder bei reduzierter Bioverfügbarkeit kritisch werden. Eine zusätzliche Taurin-Supplementation in der Rezeptur ist bei getreidefreiem Futter mit hohem Hülsenfruchtanteil ein Pluspunkt. Mehr zur richtigen Auswahl auch im Beitrag Trockenfutter für Hunde und Nassfutter für Hunde.
Tierärztlicher Blick: Wann gehört dein Hund in die Praxis?
Wenn dein Hund chronische Hautprobleme, anhaltenden Juckreiz, wiederkehrende Ohrentzündungen, chronischen Durchfall oder häufiges Erbrechen zeigt, ist eine tierärztliche Abklärung sinnvoll, bevor du eigenmächtig auf ein getreidefreies Futter umstellst. Die genannten Symptome haben viele mögliche Ursachen, von Parasiten über bakterielle Hautinfektionen, hormonelle Erkrankungen wie Hypothyreose, Atopie (Umweltallergie) bis zu Futtermittelunverträglichkeit. Eine Diagnostik mit Hautgeschabseln, Hautbiopsie, Blutbild, gegebenenfalls Allergietests gegen Umweltallergene und parallel eine Eliminationsdiät grenzt die Ursache zuverlässig ein.
Bei Verdacht auf eine ernährungsbedingte Herzerkrankung (DCM) sollte eine Echokardiographie und gegebenenfalls eine Bestimmung des Taurinspiegels im Blut erfolgen. Erste Anzeichen einer DCM sind nachlassende Belastbarkeit, Husten, schnellere Atmung in Ruhe und Ohnmachtsanfälle. Bei prädisponierten Rassen ist eine jährliche kardiologische Vorsorge auch bei symptomfreien Tieren sinnvoll. In Deutschland und Österreich (AT) findest du qualifizierte Praxen über den allgemeinen Tierarzt-Finder, in der Bundeshauptstadt über die Liste Tierarzt Wien.
Eine Übersicht zur finanziellen Absicherung längerer diagnostischer Abklärungen, wiederkehrender Allergiebehandlungen oder kardiologischer Verlaufskontrollen findest du im Beitrag zur Hundeversicherung. Eine Eliminationsdiät, eine Echokardiographie und mehrere Folgekontrollen können in Summe leicht in den vierstelligen Bereich gehen, eine gute Versicherung trägt diese Kosten meist mit. Wichtig bleibt: Eine Futterumstellung ist nie eine Erstmaßnahme bei chronischen Symptomen, sondern ein Werkzeug nach tierärztlicher Diagnose.
Auch beim Welpen ist eine pauschale Getreidefrei-Strategie nicht zu empfehlen. Welpen brauchen ein präzise austariertes Verhältnis von Energie, Eiweiß, Calcium, Phosphor und Spurenelementen, das über FEDIAF-konforme Standardrezepturen sehr zuverlässig sichergestellt wird. Experimentelle Diäten in der Wachstumsphase können zu langfristigen Skelett- und Stoffwechselproblemen führen. Wenn dein Welpe tatsächlich auf bestimmte Getreidesorten reagiert, wähle eine Welpen-Spezialdiät mit ausgewiesener Indikation, idealerweise nach Beratung mit deiner Tierärztin. Mehr zur richtigen Welpenfütterung findest du im Beitrag Welpenfutter. Bei Senioren ab acht Jahren gelten ähnliche Vorsichtsregeln, weil chronische Begleiterkrankungen die Auswirkungen einer fehlerhaften Rezeptur verstärken können.
Häufige Fragen zu getreidefreiem Hundefutter
Quellen
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