Atemwegserkrankungen beim Pferd: Diagnose, Behandlung & Vorbeugung
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Atemwegserkrankungen beim Pferd sind in Österreich und Deutschland eine der häufigsten Praxisdiagnosen, gleich nach Lahmheiten und Magen-Darm-Beschwerden. Studien aus mitteleuropäischen Stallbetrieben zeigen, dass mindestens jedes vierte adulte Pferd Anzeichen einer chronischen Atemwegsbelastung trägt, oft ohne dass die Halterinnen es bemerken. Die Spanne reicht von leichtem Heuhusten beim Anreiten über akute virale Infekte bis hin zum schwerwiegenden Equinen Asthma (früher COPD), das ein Pferd dauerhaft sportuntauglich machen kann. Du erfährst hier, wie ein gesundes Pferdeatemsystem funktioniert, welche Symptome du ernst nehmen musst, wie die tierärztliche Diagnose abläuft, welche Therapien wirklich helfen und vor allem, wie du mit Haltung, Fütterung und Stallmanagement das Risiko massiv senkst. Atemwegserkrankungen sind in den meisten Fällen umweltbedingt, also vermeidbar oder wenigstens beeinflussbar. Das macht das Thema für jede Pferdebesitzerin so wichtig. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Husten ist nie „normal“
Pferde husten nicht gelegentlich „weil es eben so ist“. Jeder regelmäßig auftretende Husten beim Anreiten oder beim Fressen ist ein Warnzeichen. Lass dein Pferd untersuchen, bevor sich aus einer entzündlichen Reizung eine chronische, irreversible Lungenveränderung entwickelt.
Wie funktioniert das Atemsystem deines Pferdes?
Das Pferd ist ein obligater Nasenatmer, das heißt, es atmet ausschließlich durch die Nüstern und niemals durch das Maul. Dieser anatomische Sonderweg sorgt dafür, dass jede eingeatmete Luft den langen Weg über Nasenmuscheln, Siebbein, Rachen, Kehlkopf, Luftröhre und Bronchien bis tief in die Lunge nimmt. Auf diesem Weg wird die Luft erwärmt, befeuchtet und von groben Staubteilchen befreit. Im Galopp atmet ein Sportpferd bis zu 1.500 Liter Luft pro Minute ein, ein Vielfaches dessen, was ein Mensch leistet.
Die Lunge selbst wiegt bei einem ausgewachsenen Warmblut zwischen sechs und neun Kilogramm und besitzt eine innere Oberfläche von rund 2.500 Quadratmetern. Diese gigantische Fläche ist mit feinem Flimmerepithel ausgekleidet, das wie ein Förderband Schleim und Fremdpartikel nach oben transportiert. Sobald aber Reizgase wie Ammoniak, Pilzsporen aus muffigem Heu oder Feinstaub aus dem Einstreu diesen Selbstreinigungsmechanismus überfordern, beginnt die Spirale aus Entzündung, Schleimstau und Bronchialverengung.
Das ist die zentrale Erkenntnis dieses Themas: Atemwegserkrankungen entstehen meistens nicht durch Krankheitserreger allein, sondern durch eine chronische Überlastung der natürlichen Schutzbarrieren. Genau deshalb ist die Stallluft viel wichtiger als jedes Medikament.

Welche Atemwegserkrankungen kommen am häufigsten vor?
Wir teilen die Erkrankungen klassisch in obere und tiefe Atemwege ein. Zu den oberen Atemwegen zählen Nüstern, Nasenhöhle, Nasennebenhöhlen, Rachen und Kehlkopf. Häufige Diagnosen sind Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung), virale Infektionen wie Equine Influenza, Herpesvirus EHV-1 und EHV-4 sowie bakterielle Erkrankungen wie Druse durch Streptococcus equi. Druse ist hochansteckend, meldepflichtig in Österreich und kann ganze Stallungen lahmlegen.
Zu den tiefen Atemwegen gehören Luftröhre, Bronchien und Lungenbläschen. Hier dominieren das Equine Asthma in seinen beiden Formen (mild-moderate Equine Asthma, früher Inflammatory Airway Disease, sowie severe Equine Asthma, früher Recurrent Airway Obstruction oder Dampf), Bronchopneumonien (Lungenentzündungen) und Pleuropneumonien als Komplikation nach Transporten oder Allgemeinanästhesie.
Eine weitere Sondergruppe sind sportbedingte Probleme wie EIPH (Exercise-Induced Pulmonary Hemorrhage), bei dem es nach Höchstbelastungen zu kleinen Lungenblutungen kommt, und Pharynxstörungen wie Kehlkopfpfeifen, das vor allem Großpferde im Sport betrifft. Die häufigste chronische Erkrankung im mitteleuropäischen Stallalltag ist mit Abstand das Equine Asthma. Wenn du tiefer einsteigen willst, lies unseren Spezialartikel zu COPD beim Pferd und ergänzend zum Equinen Asthma.
An welchen Symptomen erkennst du eine Atemwegserkrankung?
Die ersten Warnzeichen sind oft so unspezifisch, dass sie übersehen werden. Du beobachtest Leistungsabfall im Training, längere Erholungspausen nach dem Galopp, leichten Husten beim Anreiten oder beim Fressen, gelegentlichen Nasenausfluss und manchmal nur eine leicht erhöhte Atemfrequenz in Ruhe. Eine gesunde Atemfrequenz beim ruhenden Pferd liegt bei acht bis 16 Atemzügen pro Minute. Liegt dein Pferd dauerhaft über 20, lohnt sich eine Abklärung.
Klassische Symptome einer fortgeschrittenen Erkrankung sind häufiger oder anhaltender Husten, klar bis gelblich-schleimiger Nasenausfluss aus einem oder beiden Nasenlöchern, deutlich erhöhte Atemfrequenz, verstärkte Bauchatmung mit sichtbarer „Dampfrinne“ entlang der Flanke, Nüsternblähen und Leistungsverweigerung. Bei akuten Infektionen kommt Fieber hinzu, das du mit einem normalen Fieberthermometer rektal messen kannst (Normalwert beim erwachsenen Pferd: 37,5 bis 38,2 Grad Celsius).
Notfallsymptome sind extrem schnelle Atmung über 40 Atemzüge pro Minute in Ruhe, blaue Schleimhäute (Zyanose), Atemnot mit gespreizten Vorderbeinen und panischem Verhalten. In so einem Fall ist sofort die Tierärztin zu rufen, weil eine schwere Atemkrise lebensbedrohlich verläuft. Mehr zur Akutversorgung findest du im Beitrag Notfall beim Pferd.
Wie läuft die tierärztliche Diagnose ab?
Der Goldstandard beginnt immer mit einer gründlichen klinischen Untersuchung. Die Tierärztin auskultiert die Lunge mit dem Stethoskop, oft auch mit einem Wiederbeutel-Test, der die Atmung künstlich vertieft und versteckte Geräusche hörbar macht. Sie misst Atemfrequenz, Puls, Temperatur und prüft die Schleimhäute auf Farbe und Kapillarfüllungszeit.
Bei Verdacht auf eine tiefe Atemwegserkrankung folgen je nach Befund eine Endoskopie der oberen Atemwege bis in die Luftröhre, eine bronchoalveoläre Lavage (BAL) zur Untersuchung der Zellzusammensetzung im Lungenwasser oder ein Tracheobronchialsekret-Abstrich für die Bakteriologie. Eine BAL gilt heute als der wichtigste Einzeltest, weil sie zwischen entzündlichem und allergischem Asthma unterscheidet und die Therapie entscheidend lenkt.
Ergänzend kommen Blutbild, Allergietests, Röntgen oder Ultraschall der Lunge zum Einsatz. Bei Druse-Verdacht werden Nasen-Rachen-Tupfer auf Streptococcus equi untersucht. Aktuelle Blutwerte liefern wichtige Hinweise auf akute Entzündungsprozesse über CRP, SAA und das weiße Blutbild.
Welche Therapien stehen heute zur Verfügung?
Die Therapie folgt immer der Diagnose und besteht aus drei Säulen. Erstens medikamentös: Bei bakteriellen Infektionen kommen gezielt nach Antibiogramm gewählte Antibiotika zum Einsatz, idealerweise nach mikrobiologischer Untersuchung des Sekrets. Bei Equinem Asthma sind inhalierte Kortikosteroide wie Beclometason oder Fluticason heute Mittel der ersten Wahl, oft kombiniert mit bronchienerweiternden Substanzen wie Salbutamol. Systemische Kortikosteroide kommen nur bei schweren akuten Schüben oder Inhalationsverweigerern zum Einsatz, weil sie das Hufrehe-Risiko erhöhen.
Zweitens unterstützend: Schleimlöser wie Dembrexin oder Bromhexin verflüssigen zähen Schleim. Inhalationen mit Kochsalzlösung oder Sole helfen, die Atemwege zu befeuchten. Spezielle Pferde-Inhalatoren wie Flexineb erlauben eine zielgerichtete Therapie ohne Sedierung. Mehr zu den Geräten und Wirkstoffen liest du in unserem Spezialbeitrag Inhalation beim Pferd.
Drittens und am wichtigsten: die Umweltsanierung. Ohne staubarme Haltung schlägt jede Medikation fehl. Dazu gehört Heu wässern oder bedampfen, staubarme Einstreu (Späne, Pellets oder Strohpellets statt Langstroh), regelmäßige Stallreinigung und maximaler Aufenthalt im Freien. Bei manchen Asthma-Pferden ist eine reine Offenstallhaltung mit dauerhaftem Weidegang der einzige Weg zur Beschwerdefreiheit. Mehr zur Bedeutung der Haltung findest du im Artikel Weidehaltung beim Pferd.
Wie kannst du Atemwegserkrankungen vorbeugen?
Vorbeugung ist die beste Therapie, und sie liegt fast vollständig in deiner Hand als Halterin. Beginne bei der Stallluft. Ammoniakwerte über zehn ppm reizen die Schleimhäute, oft schon nach wenigen Tagen Aufenthalt. Lüfte den Stall mehrmals täglich gründlich, halte die Box trocken, wähle saugfähige Einstreu und mistest mindestens einmal täglich gründlich aus.
Heu ist die größte Staubquelle im Pferdealltag. Selbst optisch sauberes Heu enthält Pilzsporen, Endotoxine und Feinstaub. Wässern oder Bedampfen reduziert die einatembaren Partikel um 80 bis 95 Prozent. Bedampftes Heu in einem zertifizierten Heubedampfer (etwa Haygain oder vergleichbar) ist die hygienischste Lösung, weil die Pilzsporen abgetötet werden. Eingeweichte Heucobs sind eine besonders staubarme Alternative für sensible Pferde.
Plane Mistarbeiten dann, wenn dein Pferd nicht in der Box ist, und halte den Auslauf nach dem Misten mindestens zwei Stunden frei. Achte beim Reiten in der Halle auf bewässerten oder staubgebundenen Hallenboden. Nutze regelmäßige Impfungen gegen Influenza und Herpesvirus, sie sind in vielen Turnierstallungen ohnehin Pflicht. Mehr Hintergrund liest du im Beitrag Pferd impfen.

Was bedeutet das für ältere Pferde?
Senioren sind doppelt gefährdet. Ihr Immunsystem reagiert träger, ihre Lungen haben über Jahre Stäube, Sporen und virale Mikroreize akkumuliert und ihre körpereigene Schleimreinigung läuft langsamer. Gleichzeitig sind viele Senioren dauerhaft gestallt, weil sie mit jüngeren Herdenmitgliedern nicht mehr mithalten oder im Winter nicht mehr nass werden sollen.
Achte bei Senioren noch konsequenter auf staubfreie Fütterung, weiche Einstreu und tägliche Bewegung an der frischen Luft. Schon ein dreißigminütiger Spaziergang am Halfter aktiviert die Atemmuskulatur und löst zähen Schleim. Eine jährliche tierärztliche Untersuchung sollte ab dem 16. Lebensjahr Standard sein und immer eine Lungenauskultation umfassen. Bei chronischer Asthma-Diagnose lassen sich viele Senioren mit konsequenter Inhalationstherapie noch lange beschwerdearm halten. Sprich solche Konzepte am besten mit deiner Tierärztin oder einer spezialisierten Fachärztin im Netzwerk von Go4Vet ab.
Welche Rolle spielt die Fütterung bei der Atemwegsgesundheit?
Die Verbindung zwischen Fütterung und Atemwegen wird oft unterschätzt. Heu ist nicht nur Energielieferant, sondern auch Hauptquelle für inhalierbare Pilzsporen, Endotoxine und Feinstaub. Selbst ein optisch sauberer Heuballen enthält in einem Kubikmeter eingeatmeter Luft mehrere Millionen Sporen. Das Pferd holt sich also bei jeder Mahlzeit eine Inhalationsdosis, die ein Mensch in einem Industriebetrieb mit Atemschutz vermeiden würde.
Praktisch heißt das: Reduziere die Heumenge nicht, sondern verbessere ihre Qualität. Heuanalysen lassen sich heute in Österreich und Deutschland für 30 bis 80 Euro pro Probe durchführen und liefern Werte zu Mikrobiologie, Schimmel und Mineralstoffen. Ergänzend solltest du auf hochwertiges Raufutter achten und bei Bedarf staubarme Alternativen wie eingeweichte Heucobs oder bedampftes Heu integrieren. Ergänzungsfutter mit Omega-3-Fettsäuren (Leinsamen, Leinöl) wirkt entzündungshemmend und unterstützt die Bronchialschleimhaut, ist aber nie Ersatz für eine saubere Umwelt. Mehr zu konkreten Ölformen liest du im Beitrag Öl für Pferde.
Eine ausreichende Vitamin-C- und Vitamin-E-Versorgung unterstützt die antioxidative Abwehr in der Lunge. Pferde, die viel Heu und wenig Frischgras bekommen, sind hier oft unterversorgt. Eine bedarfsorientierte Mineralstoffergänzung gehört bei Asthma-Patienten ins Standardprogramm.
Auch die Art der Fütterung zählt. Heu aus bodennahen Raufen oder direkt vom Boden ist physiologischer als Heunetze in Kopfhöhe, weil das Pferd in seiner natürlichen Fresshaltung Schleim besser nach unten abfließen lassen kann. Heunetze in Brust- oder Kopfhöhe haben einen umgekehrten Effekt und fördern Sekretstau in den unteren Atemwegen. Wenn du Heunetze nutzen musst (etwa zur Fresszeitverlängerung bei leichtfuttrigen Pferden), hänge sie tief und rechne mit einer kompromisshaften Lösung.
Tierärztlicher Blick
Aus tierärztlicher Sicht ist das Equine Asthma die Diagnose, die wir am häufigsten sehen, am häufigsten unterschätzt erleben und am häufigsten zu spät überwiesen bekommen. Pferde leiden still, sie verstecken Atemnot, weil Atemnot in der Wildnis Beute macht. Wenn dein Pferd in Ruhe sichtbar pumpt, ist die Erkrankung meistens schon Monate alt. Mein dringender Rat: Lass jedes Pferd mit Husten innerhalb weniger Tage untersuchen, behandle die Diagnose ernst, sanier die Umwelt konsequent und gib der Therapie wenigstens vier bis sechs Wochen Zeit. Die Therapieerfolge sind exzellent, wenn du früh und konsequent handelst, und enttäuschend, wenn du auf Hausmittel oder Wartepausen setzt. Pferde mit dauerhaft veränderter Lungenfunktion verlieren rund vierzig Prozent ihrer Belastbarkeit, und das ist vermeidbar.
Häufige Fragen zu Atemwegserkrankungen beim Pferd
Quellen
MSD Vet Manual: Respiratory Diseases of Horses (2024) (letzter Zugriff: 4.5.2026)
Vetmeduni Wien: Pferdeklinik & Pneumologie (letzter Zugriff: 4.5.2026)
PubMed: Studienübersicht Severe Equine Asthma (letzter Zugriff: 4.5.2026)
FN Deutsche Reiterliche Vereinigung: Atemwegserkrankungen (letzter Zugriff: 4.5.2026)
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