Natürliches Hundefutter
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Natürliches Hundefutter ist einer der meistgenutzten Marketingbegriffe in der Petfood-Industrie und einer der schwammigsten. Es gibt keine gesetzliche Definition, jeder Hersteller darf den Begriff praktisch frei verwenden, solange er nicht offensichtlich täuscht. Dahinter stecken in der Praxis sehr unterschiedliche Konzepte: ein hoher Fleischanteil ohne künstliche Zusätze, BARF und Rohfütterung, kaltgepresste Trockenfutter, Bio-Linien aus regionaler Landwirtschaft oder schlicht ein Etikett mit grünem Aufdruck und Wiesenmotiv. In Österreich (AT) und Deutschland (DACH) tummeln sich auf dem Markt mehrere hundert Produkte mit „Natur“-Versprechen. Dieser Ratgeber sortiert das Angebot, zeigt dir, was dein Hund ernährungsphysiologisch tatsächlich braucht, und welche der populären naturnahen Konzepte funktionieren, welche überteuert sind und welche bei falscher Umsetzung gefährlich werden können. Der Inhalt ist tierärztlich überprüft.
Auf einen Blick
Der Hund ist anders als die Katze ein fakultativer Karnivor, also fleischbetont, aber nicht ausschließlich auf tierisches Eiweiß angewiesen. „Natürlich“ sollte konkret bedeuten: hoher, klar deklarierter Fleischanteil mit benannter Tierart, kein Zucker, keine Sammelbegriffe, keine künstlichen Aromen und Konservierer. Bio, BARF und Kaltpressung sind sinnvolle Optionen, aber keine Pflicht. Vor jeder größeren Umstellung gehört eine tierärztliche Bedarfsabklärung, vor allem bei Welpen, Senioren oder chronisch kranken Hunden.
Was bedeutet „natürlich“ beim Hundefutter überhaupt?
Es gibt kein EU-Recht, das den Begriff „natürlich“ beim Heimtierfutter klar definiert. Hersteller dürfen ihn relativ frei verwenden, solange keine offensichtliche Irreführung vorliegt. In der Praxis stehen vier Konzepte hinter dem Wort: erstens ein hoher, klar deklarierter Fleischanteil ohne unnötige Zusätze, zweitens eine Bio-Zertifizierung mit kontrollierter Tierhaltung, drittens Rohfleischfütterung wie BARF oder Frischfleisch und viertens eine besonders schonende Verarbeitung wie die Kaltpressung beim Trockenfutter. Jedes dieser Konzepte hat Stärken und Schwächen.
Der seriöse Kern dahinter ist die Idee, deinen Hund möglichst nah an seiner evolutionären Ernährung zu versorgen. Der Wolf, der genetische Vorfahre des Haushundes, frisst überwiegend Fleisch, dazu Knochen, Fett, Innereien und kleinere Mengen pflanzlicher Bestandteile aus dem Mageninhalt seiner Beute. Der Haushund hat sich in den letzten zehntausend Jahren an eine etwas stärkehaltigere Kost angepasst, er kann zum Beispiel Stärke deutlich besser verdauen als der Wolf. Trotzdem bleibt sein Bedarfsprofil fleischbetont. Mehr zur evolutionären Grundlage und zur passenden Rezepturen erklärt unser Beitrag zu Hundefutter im Überblick.
Was dabei nicht naturnah ist, lässt sich klar benennen: pflanzliche Sammelbegriffe wie „pflanzliche Nebenerzeugnisse“, hohe Getreideanteile als Füllstoff, Zuckerzusätze in jeder Form (auch als Karamell, Saccharose oder Glukosesirup), künstliche Farb- und Aromastoffe, Lockstoffe und konservierende Antioxidantien wie BHA, BHT oder Ethoxyquin. Wenn dir „natürlich“ wichtig ist, lies das Etikett genau und prüfe, ob die Zutatenliste kurz, klar und nachvollziehbar ist. Eine Liste mit zwei Zeilen ist meist seriöser als eine mit zwanzig.

Bio, AT-Bio, EU-Bio: Was steht hinter den Siegeln?
Bio-Zertifizierung beim Hundefutter unterliegt der EU-Öko-Verordnung. Die Marken „EU-Bio“ und das österreichische „AT-Bio“ garantieren kontrollierte ökologische Tierhaltung der Rohstofflieferanten, Verzicht auf chemische Pestizide bei den Futtermitteln, Verzicht auf gentechnisch veränderte Zutaten und eine gewisse Begrenzung von Zusatzstoffen. Achte auf die EU-Bio-Sechseck-Marke und den Code (etwa AT-BIO-301), der den zuständigen Kontrollverband ausweist. Bio ist immer dann sinnvoll, wenn dir Tierwohl und ökologische Landwirtschaft wichtig sind.
Bio sagt allerdings nichts über die ernährungsphysiologische Eignung aus. Ein Bio-Futter kann genauso schlecht zusammengesetzt sein wie ein konventionelles, wenn es zu wenig Fleisch enthält oder einen unpassenden Calcium-Phosphor-Quotienten hat. Umgekehrt ist konventionelles Futter nicht automatisch schlecht. Entscheidend bleibt die Kombination aus klarer Deklaration, hohem Fleischanteil mit benannter Tierart, vollständiger Mikronährstoffversorgung und Verzicht auf unnötige Zusätze.
In Österreich gibt es mehrere Hersteller, die hochwertiges Bio-Nass- und Trockenfutter mit klarer Tierherkunft produzieren, oft aus regionaler Landwirtschaft in der Steiermark, in Niederösterreich oder im Burgenland. Wenn dir Tierwohl der Lieferanten und kurze Transportwege wichtig sind, ist Bio ein guter Hebel. Rein gesundheitlich für deinen Hund ist eine konventionelle Premium-Linie mit klarer Deklaration meist gleichwertig. Im Zweifel entscheidet deine Geldbörse und dein persönlicher Wertekompass, nicht ein Versprechen auf der Vorderseite der Verpackung.
Wie naturnah ist BARF und Rohfleischfütterung?
BARF steht für „Biologisch Artgerechte Rohfütterung“ und basiert auf der Idee, dass der Hund möglichst nah an seiner Beute ernährt werden soll. Eine BARF-Ration besteht typischerweise aus rund achtzig Prozent tierischen Komponenten (Muskelfleisch, Innereien, Knochen) und etwa zwanzig Prozent pflanzlichen Bestandteilen (püriertes Gemüse, Obst, Öle), ergänzt um Mineralstoff- und Vitaminzusätze. Bei korrekter Berechnung deckt das den Bedarf eines gesunden adulten Hundes. Bei falscher Zusammenstellung entstehen schnell Mangelerscheinungen, vor allem bei Calcium, Vitamin D, Jod und Spurenelementen.
BARF für den Hund ist anspruchsvoller als oft dargestellt. Eine selbst zusammengestellte Ration ohne professionelle Berechnung führt nach Studien des amerikanischen Veterinärverbands in über sechzig Prozent der Fälle zu mindestens einem Nährstoffdefizit. Wer BARF ernsthaft umsetzen möchte, plant Beratungstermine bei einer zertifizierten Tierernährungsberaterin oder einer entsprechend qualifizierten Tierärztin und kontrolliert regelmäßig per Blutbild, ob der Plan funktioniert. Besonders beim Welpen ist BARF ohne Beratung riskant, weil ein zu niedriger oder zu hoher Calcium-Phosphor-Quotient zu schweren Skelettschäden führen kann. Mehr zum Welpenbedarf liest du im Beitrag zu Welpenfutter.
Hygienisch ist Rohfleisch eine Herausforderung. Salmonellen, Campylobacter, Yersinien und Listerien können sowohl deinen Hund als auch deine Familie krank machen. Besonders kritisch ist das in Haushalten mit Kindern, Schwangeren oder immungeschwächten Personen. Rohes Schweinefleisch ist tabu, weil das Aujeszky-Virus für Hunde tödlich ist. Wer BARF nutzt, sollte hochwertige, tiefgefrorene Ware aus dem Fachhandel beziehen, sauber arbeiten und alle Flächen, Schüsseln und Hände nach jeder Mahlzeit gründlich reinigen. Eine Alternative mit etwas weniger Risiko ist die selbst gekochte Ration auf Basis eines tierärztlich geprüften Plans.
Was bringt kaltgepresstes Trockenfutter wirklich?
Klassisches Trockenfutter wird im Extrusionsverfahren bei hohen Temperaturen (oft über hundert Grad Celsius) hergestellt. Dabei werden hitzeempfindliche Vitamine und Aminosäuren teilweise zerstört, was über Vitaminzusätze später wieder ausgeglichen werden muss. Kaltgepresstes Trockenfutter wird hingegen schonender bei rund vierzig bis siebzig Grad Celsius hergestellt. Die Idee dahinter: Mehr Nährstoffe bleiben in ihrer ursprünglichen Form erhalten, die natürliche Struktur der Zutaten wird besser bewahrt.
Das klingt zunächst überzeugend, hat aber Einschränkungen. Kaltgepresstes Futter quillt im Magen weniger als extrudiertes, was bei manchen Hunden zu Verdauungsproblemen führen kann, vor allem wenn sie hastig fressen. Außerdem ist die Haltbarkeit kürzer, weil weniger Konservierungsverfahren angewendet werden. Wer kaltgepresstes Futter nutzt, sollte kleine Packungen kaufen und sie zügig aufbrauchen. Ein direkter ernährungsphysiologischer Vorteil ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt, aber für Halterinnen und Halter mit dem Wunsch nach möglichst schonender Verarbeitung eine sinnvolle Option.
Auch beim Trockenfutter ist die Wasserzufuhr ein Thema, das oft unterschätzt wird. Trockenfutter enthält nur etwa sieben bis zehn Prozent Wasser, frisches Nassfutter dagegen rund siebzig bis achtzig Prozent. Für viele Hunde ist eine Mischfütterung aus hochwertigem Nass- und Trockenfutter die pragmatische Lösung. Stelle in jedem Fall mehrere Wassernäpfe auf und achte darauf, dass dein Hund tatsächlich trinkt. Mehr zum Vergleich findest du in unserem Beitrag zu Nassfutter für Hunde sowie zu Trockenfutter für Hunde.
Wie fütterst du naturnah und alltagstauglich?
Du musst nicht alles oder nichts machen. Eine sinnvolle naturnahe Fütterung kann pragmatisch aussehen: hochwertiges Nass- oder Trockenfutter mit klar deklarierter Proteinquelle als Basis, gelegentlich frisches gegartes Fleisch (ohne Gewürze, Salz oder Knochen) als Topping und gegebenenfalls eine Handvoll geeigneter Obst- oder Gemüsestücke als Snack. Vermeide Zucker, künstliche Aromen, Sammelbegriffe und überflüssige Konservierer. Halte die Tagesration konstant, damit du den Energiebedarf besser kontrollieren kannst.
Achte auch auf die Verträglichkeit. Manche Hunde reagieren auf häufige Proteinquellen wie Huhn oder Rind mit Hautjucken, weichem Kot oder Ohrenentzündungen. Eine systematische Eliminationsdiät kann hier helfen, hat aber nichts mit dem Begriff „natürlich“ zu tun, sondern mit einer klar definierten Eiweißquelle. Wenn dein Hund chronisch Hautprobleme hat, lohnt sich eine tierärztliche Abklärung, etwa zur atopischen Dermatitis beim Hund, bevor du das Futter einfach blind wechselst.
Plane das Budget realistisch. Hochwertiges naturnahes Futter ist teurer als günstige Standardprodukte. Eine zwanzig Kilo schwere Hündin mit Premium-Nass- oder Trockenfutter kostet in Österreich etwa zwei bis vier Euro pro Tag in der Fütterung, also sechzig bis hundertzwanzig Euro pro Monat. BARF kann je nach Bezugsquelle ähnlich oder sogar teurer sein, vor allem wenn hochwertige Ergänzungen, gefrorene Komplettmenüs und Beratungskosten dazukommen. Eine Hundeversicherung deckt zwar nicht das Futter, aber teure Folgekosten chronischer Erkrankungen, die durch Fehlernährung mitbedingt sein können.

Welche Marketing-Floskeln solltest du ignorieren?
Manche Versprechen klingen gut und sagen wenig. „Sensitiv“ ist nicht geschützt und bedeutet meist nur „ohne Hühnerfleisch“ oder „ohne Getreide“, ohne dass nachweislich eine Unverträglichkeit reduziert wird. „Mit Liebe gemacht“ ist Folklore. „Premium“ hat keine gesetzliche Definition. „Reich an Fleisch“ kann fünfzehn Prozent Fleischanteil bedeuten und ist damit eher dürftig. „Frische Zutaten“ sagt nichts über die Verarbeitung danach. „Tierärztlich empfohlen“ ohne Quellenangabe ist genauso wertlos wie ein gutes Bauchgefühl beim Verkaufsregal.
Echte Qualitätssignale sind hingegen konkret: der genaue Fleischanteil in Prozent, die Tierart („Hühnerherz“, „Rindleber“, „Lachsfilet“), die Bezeichnung „Alleinfuttermittel“ mit Angabe der Lebensphase, der Phosphorgehalt in Gramm pro hundert Gramm, der Calcium-Phosphor-Quotient (idealerweise zwischen 1,2 und 2,0 zu 1), eine kurze Zutatenliste ohne Sammelbegriffe und eine klar benannte Charge mit Mindesthaltbarkeitsdatum. Wenn diese Angaben fehlen oder der Hersteller sie auf Nachfrage nicht liefert, ist das ein Warnsignal.
Achte auch auf das Herkunftsland der Rohstoffe. „Hergestellt in Österreich“ sagt nichts über die Herkunft des Fleisches aus. Seriöse Hersteller machen ihre Produktion transparent und beantworten Anfragen zu Lieferanten und Verarbeitung innerhalb weniger Tage. Wer auf Nachfrage abblockt oder mit Allgemeinplätzen antwortet, hat in der Regel etwas zu verbergen. Tausch dich auch mit deiner Tierärztin aus, viele Praxen haben eine kurze Liste empfohlener Hersteller, die sich in der Praxis bewährt haben.
Welche Sonderfälle brauchen besondere Aufmerksamkeit?
Naturnahe Fütterung muss in jeder Lebensphase anders gedacht werden. Welpen brauchen besonders viel Energie, Eiweiß und Mikronährstoffe für Wachstum und Knochenaufbau. Ein BARF-Plan ohne ausreichend Calcium und Vitamin D kann hier zu schweren Skelettschäden führen, vor allem bei großen Rassen wie Berner Sennenhund oder Deutsche Dogge. Sicherer ist hochwertiges Welpen-Nass- oder Trockenfutter mit klarer Deklaration, ergänzt um gelegentlich frisches gegartes Fleisch.
Trächtige und säugende Hündinnen haben einen Energiebedarf, der bis zum Doppelten oder Dreifachen der Erhaltungsdosis steigen kann. Ein zu knapper Plan kann zu Milchmangel, geringerem Geburtsgewicht der Welpen und Erschöpfung der Mutter führen. Wer hier naturnah füttern will, sollte unbedingt mit der Tierärztin den Plan abstimmen und die Hündin regelmäßig wiegen. Besonders wichtig sind Calcium, hochwertige Proteine und ausreichende Energie aus Fett.
Senioren brauchen meist weniger Energie, aber ähnlich viel oder sogar mehr Eiweiß zur Erhaltung der Muskelmasse. Phosphor sollte moderat dosiert sein, vor allem bei beginnender Niereninsuffizienz. Eine BARF-Ration mit hohem Knochenanteil ist hier riskant, weil der Phosphorgehalt schnell zu hoch wird. Hochwertiges Senior-Nassfutter mit angepassten Werten ist meist die einfachere Lösung. Eine Senior-Vorsorgeuntersuchung pro Jahr (ab zehn Jahren besser zwei) ist Pflicht. Mehr dazu im Beitrag zu Seniorenfutter für Hunde.
Tierärztlicher Blick: Wann brauchst du professionelle Beratung?
Eine tierärztliche Ernährungsberatung lohnt sich vor jeder größeren Umstellung, vor allem bei BARF, bei selbst gekochten Rationen und bei Senior-Hunden mit chronischen Erkrankungen. Eine erste Beratung in der Praxis kostet in Österreich etwa fünfzig bis hundertfünfzig Euro und liefert dir einen klaren, schriftlichen Plan. Bei BARF ist eine zertifizierte Tierernährungsberaterin oder ein entsprechend qualifizierter Tierarzt die beste Anlaufstelle. Eine wohnortnahe Beratung findest du über unseren Tierarzt-Finder, in der Bundeshauptstadt unterstützt der Tierarzt in Wien.
Im Alltag solltest du in die Praxis, wenn dein Hund nach einer Futterumstellung anhaltende Verdauungsprobleme zeigt, plötzlich Gewicht verliert oder zunimmt, mehr trinkt und uriniert als vorher, dauerhaft juckt oder sich auffällig putzt. Diese Hinweise können sowohl auf eine ungeeignete Diät als auch auf eine entstehende Erkrankung hinweisen. Eine systematische Abklärung mit Blutbild, Kotprobe und gegebenenfalls Ultraschall ist meist günstiger als monatelanges Probieren in der Futterabteilung.
Ein häufig unterschätztes Thema ist die langfristige Kontrolle. Auch wenn dein Hund auf einem naturnahen Futter gut zurechtkommt, lohnt sich einmal pro Jahr (ab acht Jahren besser zweimal) ein großes Blutbild mit Schilddrüse, Nieren, Leber und Glukose, dazu eine Urinkontrolle. So fängst du beginnende Erkrankungen früh ab und kannst die Diät rechtzeitig anpassen, bevor irreversible Schäden entstehen. Halte dir auch eine kurze Notiz, was du fütterst, in welcher Menge und mit welchen Snacks, das hilft enorm bei jedem Tierarzttermin.
Notfall erkennen
Verweigert dein Hund nach einer Umstellung mehr als vierundzwanzig Stunden Futter und Wasser, erbricht er wiederholt, hat blutigen Durchfall oder zeigt Apathie, ist das ein Notfall. Ein aufgeblähter, trommelharter Bauch nach dem Fressen kann auf eine lebensbedrohliche Magendrehung hinweisen, vor allem bei großen Rassen. Sofort in die nächste Tierklinik.
Häufige Fragen zu natürlichem Hundefutter
Quellen
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