Kartoffeln in der Pferdefütterung: Risiken und Alternativen
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Kartoffeln in der Pferdefütterung gehören zu den Themen, bei denen sich hartnäckige Mythen halten und gleichzeitig handfeste Risiken bestehen, die du als Halter kennen solltest. Roh sind Kartoffeln wegen ihres Solaningehalts klar als Risikofutter einzustufen, gekocht und entstärkt werden sie zwar in einigen traditionsreichen Ställen sparsam eingesetzt, doch selbst dann sind sie weit von einem alltagstauglichen Saftfutter entfernt. Die Vorstellung, eine warme Pellkartoffel im Winter sei eine wertvolle Energiequelle für magere Pferde, stammt aus einer Zeit, in der hochwertiges Kraftfutter und durchdachte Mineralergänzungen kaum verfügbar waren. Heute weiß die Fütterungswissenschaft, dass Pferde mit ihrem auf strukturreiches Raufutter spezialisierten Magen-Darm-Trakt von Stärkebomben aus der Knolle eher Probleme als Nutzen haben.
Warum sind Kartoffeln für Pferde grundsätzlich problematisch?
Kartoffeln gehören zur Familie der Nachtschattengewächse und enthalten von Natur aus die Glykoalkaloide Solanin und Chaconin. Diese Stoffe dienen der Pflanze als chemischer Schutz vor Fraßfeinden und reichern sich vor allem in der Schale, in den sogenannten Augen, in grünen Stellen unter der Haut und in den Keimen an. Eine reife, einwandfreie Speisekartoffel enthält zwischen zwei und 15 Milligramm Solanin pro 100 Gramm Frischmasse, eine gekeimte oder grüne Kartoffel kann auf das Zehnfache oder mehr ansteigen. Während ein gesunder erwachsener Mensch geringe Mengen über die Nieren ausscheidet, reagiert der Pferdeorganismus deutlich empfindlicher und baut die Substanzen nur langsam ab. Schon eine Handvoll roher Kartoffelschalen kann bei einem Pferd zu Symptomen führen, größere Mengen sind potenziell lebensbedrohlich. Hitze über 170 Grad zersetzt einen Teil des Solanins, beim Kochen geht eine relevante Menge ins Kochwasser über, das niemals an Pferde verfüttert werden darf. Ein vollständiger Abbau gelingt allerdings auch beim langen Garen nicht.
Hinzu kommt das Stärkeproblem. Kartoffeln bestehen zu rund 18 Prozent aus Stärke, die im Dünndarm in Glukose aufgespalten wird. Pferde sind Dauerfresser mit einem vergleichsweise kleinen Magen und einem stark fermentativen Dickdarm, der auf strukturreiches Raufutter ausgelegt ist. Größere Stärkemengen überfordern den Dünndarm, gelangen in den Dickdarm und werden dort von Bakterien rasch vergoren, was zu Übersäuerung, Dysbiose, Blähungen und im schlimmsten Fall zu einer Hufrehe führen kann. Lies dazu unseren Beitrag zur Hufrehe beim Pferd, denn das Risiko ist real und unterschätzt.

Welche Symptome verursacht eine Kartoffelvergiftung beim Pferd?
Die ersten Anzeichen einer Solaninaufnahme zeigen sich meist am Verdauungstrakt. Dein Pferd reagiert mit vermehrtem Speichelfluss, Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Durchfall und Koliksymptomen wie Flankenblicken, Scharren oder häufigem Hinlegen und Aufstehen. Bei größeren Mengen kommen neurologische Symptome dazu. Zittern, Muskelschwäche, unsicherer Gang, geweitete Pupillen und in schweren Fällen Krämpfe oder Kreislaufversagen sind möglich. Auch eine Vergiftung mit anderen Nachtschattengewächsen wie Kartoffelkraut, Tomatenblätter oder Bittersüßer Nachtschatten zeigt ein ähnliches Bild, weshalb die genaue Anamnese der letzten Stunden für deinen Tierarzt entscheidend ist.
Die Symptome treten in der Regel binnen vier bis zwölf Stunden nach Aufnahme auf. Bei kleinen Mengen klingen die Beschwerden oft nach 24 bis 48 Stunden ab, vorausgesetzt das Pferd hat ausreichend Wasser, frisches Heu zur Verdünnung der Magensäure und ist tierärztlich beobachtet. Bei größeren Mengen oder bereits vorgeschädigten Pferden mit Stoffwechselerkrankungen ist eine sofortige Vorstellung beim Tierarzt unverzichtbar. Lies unseren Beitrag zur Kolik beim Pferd, um die Frühzeichen sicher zu erkennen.
Sind gekochte Kartoffeln eine sichere Alternative?
In der Theorie reduziert das Garen den Solaningehalt einer einwandfreien, geschälten und keimfreien Kartoffel deutlich. In der Praxis bleibt das Verfüttern aus drei Gründen problematisch:
- ✓Erstens lässt sich das tatsächliche Solaninniveau einer einzelnen Knolle ohne Laboranalyse nicht feststellen, eine optisch unverdächtige Kartoffel kann im Kern grün sein.
- ✓Zweitens bleibt das Stärkeproblem auch beim Garen bestehen, gekochte Kartoffeln liefern hochverdauliche Stärke, die in Mengen über 200 Gramm pro Mahlzeit das Risiko für Dickdarmübersäuerung steigert.
- ✓Drittens braucht ein gesundes Pferd diese Energieform schlicht nicht, weil hochwertiges Heu, ein bedarfsgerechtes Kraftfutter und ergänzendes Saftfutter wie Möhren oder Äpfel die Ration optimal abdecken.
Wenn du in einem traditionsreichen Stall mit gekochten Kartoffeln arbeitest, gilt als pragmatische Obergrenze nicht mehr als 200 bis 300 Gramm pro Pferd und Mahlzeit, ausschließlich gut gegart, geschält, abgekühlt und ohne Salz oder Gewürze. Niemals warm, niemals matschig, niemals mit Kochwasser, niemals an Pferde mit Insulinresistenz, Cushing, Hufrehe in der Vorgeschichte oder Magengeschwüren. Auch dann bleibt es eine Geschmacksbeigabe und ersetzt kein bedarfsgerechtes Energiefutter. Mehr zur sinnvollen Energieversorgung findest du in unserem Ratgeber zu Energiefutter für Pferde.
Welche besseren Saftfutter-Alternativen gibt es?
Möhren sind das klassische Saftfutter und in Mengen bis zu zwei Kilogramm pro Tag für ein durchschnittlich großes Pferd unbedenklich. Sie liefern Beta-Carotin, Wasser und Geschmack, ohne den Stärkehaushalt zu belasten. Lies dazu unseren Beitrag zu Karotten in der Pferdefütterung. Äpfel sind ebenfalls beliebt, sollten aber wegen ihres Fruchtzuckergehalts auf zwei bis drei mittelgroße Stück pro Tag begrenzt bleiben. Rote Bete liefert Antioxidantien, Folsäure und einen leichten Schub natürliche Süße, in Mengen bis 500 Gramm pro Tag eine schöne Abwechslung im Winter.
Wer nach einer warmen Mahlzeit für kalte Tage sucht, greift besser zu Mash. Quellfähige Komponenten wie Weizenkleie, Leinsamen, Apfeltrester und Heucobs werden mit warmem Wasser angerührt und ergeben eine wohlschmeckende, leicht verdauliche Mahlzeit, die deinem Pferd guttut, ohne den Stoffwechsel zu überfordern. Mehr zu Zubereitung und Einsatz findest du in unserem Ratgeber zu Mash für Pferde. Auch eingeweichte Heucobs sind eine ausgezeichnete Alternative, die Pferden mit empfindlichem Magen oder Zahnproblemen zusätzliche Struktur liefern.
Was tun, wenn dein Pferd versehentlich Kartoffeln gefressen hat?
Findest du Kartoffelreste in der Box, im Paddock oder am Misthaufen, klärst du zuerst die geschätzte Menge. Bei einer kleinen Restmenge unter 100 Gramm gut gegarter, schaler Kartoffeln bleibt das Risiko gering, du beobachtest dein Pferd in den nächsten 24 Stunden auf Kolikanzeichen und Durchfall und kontaktierst bei Auffälligkeiten deinen Tierarzt. Bei größeren Mengen, bei rohen Kartoffeln, bei grünen oder gekeimten Kartoffeln rufst du sofort den Tierarzt an. Wichtige Informationen für das Telefonat sind Zeitpunkt der Aufnahme, geschätzte Menge, Zustand der Kartoffeln und das aktuelle Verhalten deines Pferdes. Versuche nicht, dein Pferd zu Hause zum Erbrechen zu bringen, das ist beim Pferd anatomisch ohnehin nicht möglich und würde nur unnötigen Stress erzeugen.
In der tierärztlichen Praxis wird je nach Schweregrad mit Aktivkohle, Infusionen, krampflösenden Mitteln und Schmerzmitteln behandelt. Eine Magensonde kann sinnvoll sein, um den Mageninhalt zu verdünnen und Stärkereste auszuschwemmen. Bei Verdacht auf eine beginnende Hufrehe wird zusätzlich der Insulinspiegel überprüft und die Hufe werden mit Eisbädern oder Spezialverbänden gekühlt. Eine schnelle Reaktion innerhalb der ersten zwölf Stunden entscheidet maßgeblich über den weiteren Verlauf.
Welche Rolle spielen Stoffwechsel und Vorerkrankungen bei der Toleranz?
Ein junges, gesundes Sportpferd mit intaktem Stoffwechsel verkraftet eine versehentliche kleine Menge gekochter Kartoffel deutlich besser als ein älteres Pferd mit Equinem Cushing Syndrom oder Equinem Metabolischen Syndrom. Pferde mit Insulinresistenz reagieren auf jede zusätzliche Stärkemenge mit einem überschießenden Insulinspiegel, was direkt das Hufreherisiko erhöht. Auch Pferde mit Magengeschwüren, mit chronischer Kolik in der Vorgeschichte oder mit eingeschränkter Leberfunktion sollten konsequent von Kartoffeln ferngehalten werden. Lies dazu unseren Beitrag zu Stoffwechselstörungen beim Pferd und überprüfe regelmäßig die Blutwerte, wenn du dein Pferd in eine ältere Altersgruppe begleitest.
Eine bedarfsgerechte Fütterungsempfehlung für dein Pferd richtet sich nach Alter, Gewicht, Rasse, Arbeitsleistung und Stoffwechsellage. Eine professionelle Beratung ist sinnvoll, wenn du unsicher bist, welche Komponenten in welcher Menge passen. Mehr dazu in unserem ausführlichen Beitrag Fütterungsempfehlung Pferd.

Wie sieht eine bedarfsgerechte Energieversorgung im Winter aus?
Die häufigste Begründung für Kartoffeln in der Ration lautet, das Pferd brauche im Winter zusätzliche Energie. Tatsächlich steigt der Energiebedarf bei niedrigen Temperaturen, doch die Lösung liegt nicht in stärkereichen Knollen, sondern in mehr und besserem Raufutter. Hochwertiges Heu wird im Pansenähnlichen Dickdarm fermentiert und liefert dabei Wärme von innen, die das Pferd nahezu rund um die Uhr braucht. Die Faustregel lautet eineinhalb bis zwei Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Körpergewicht und Tag, bei kalten Temperaturen oder dünnem Pferd zwei bis zweieinhalb Kilogramm. Lies dazu unseren detaillierten Beitrag zur Pferdefütterung im Winter.
Wenn dein Pferd zusätzlich Kraftfutter braucht, weil es im Sport steht, alt ist oder schlecht zunimmt, greifst du zu hafer- oder gerstenbasierten Mischungen mit moderatem Stärkegehalt. Hafer fürs Pferd ist gut verträglich, weil die Stärke schnell im Dünndarm aufgespalten wird und kaum in den Dickdarm gelangt. Für ältere Pferde oder solche mit Zahnproblemen sind Mash, eingeweichte Heucobs und Seniorenmüsli sinnvoller. Detaillierte Hinweise findest du in unserem Beitrag zu Alte Pferde richtig füttern.
Welche anderen Nachtschattengewächse sind für Pferde gefährlich?
Nicht nur die Kartoffel selbst, sondern alle Vertreter der Nachtschattengewächse können zum Problem werden. Tomatenkraut, grüne Tomaten, Auberginenblätter, Paprikapflanzen und vor allem der wild wachsende Bittersüße Nachtschatten enthalten ähnliche Glykoalkaloide. Auf Weiden in Deutschland und Österreich findest du gelegentlich den Schwarzen Nachtschatten, dessen unreife Beeren als hoch giftig gelten. Auch Tollkirsche, Stechapfel und Engelstrompete sind gefährliche Verwandte, die in Hecken oder Hausgärten anzutreffen sind. Eine sorgfältige Weidekontrolle im Frühjahr und Herbst gehört deshalb genauso zur Pferdehaltung wie eine konsequente Mistentsorgung, damit Kartoffelreste aus dem Komposthaufen nicht ungewollt auf der Weide landen. Praktische Hinweise findest du in unserem Beitrag zur Mistentsorgung im Pferdestall.
Tierärztlicher Blick: Wann brauchst du sofort Hilfe?
Du kontaktierst sofort einen Tierarzt, wenn dein Pferd nach einer möglichen Kartoffelaufnahme Symptome wie Kolik, neurologische Auffälligkeiten, Durchfall, Speichelfluss oder Apathie zeigt. Auch bei vermuteter Aufnahme größerer Mengen roher oder grüner Kartoffeln ist eine telefonische Rücksprache zwingend, selbst wenn das Pferd noch unauffällig wirkt. Die ersten Symptome können verzögert auftreten, eine vorbeugende Behandlung mit Aktivkohle, Schmerzmitteln und Infusionen kann den Verlauf entscheidend mildern. Bei Pferden mit Vorerkrankungen wie Cushing, EMS, chronischen Magengeschwüren oder Hufrehe gilt jede Kartoffelaufnahme als Notfall, weil der Stoffwechsel ohnehin überlastet ist. Eine gute Pferdekrankenversicherung deckt die Kosten für Notfallbehandlung, stationäre Aufnahme und Hufreheprophylaxe ab und gibt dir die Sicherheit, im Ernstfall ohne Kostendruck handeln zu können. In Österreich liegen die Kosten einer ambulanten Notfallversorgung bei 200 bis 500 Euro, eine stationäre Behandlung in der Klinik kann je nach Verlauf zwischen 1.500 und 5.000 Euro kosten. Auch in Deutschland sind die Tarife vergleichbar, wobei akute Hufrehefolgen langfristig deutlich teurer werden, weil orthopädische Beschläge, Spezialfutter und regelmäßige Kontrollen über Monate anfallen können.
Häufige Fragen zu Kartoffeln in der Pferdefütterung
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