Natürliche Pferdefütterung: Prinzipien, Komponenten, praktische Umsetzung
Hol dir deinen persönlichen Bereich mit gespeicherten Beiträgen, Empfehlungen und Tierarzt-Terminen.
Mein go4vet kostenlos starten
Natürliche Pferdefütterung orientiert sich an der Biologie des Pferdes als Steppen-Daueresser und versucht, die Fütterungsroutine im Stall so zu gestalten, dass sie der ursprünglichen Lebensweise möglichst nahekommt. Wenn dein Pferd in klassischer Boxenhaltung mit zwei oder drei Mahlzeiten lebt, weicht der Tagesablauf erheblich von der natürlichen Aufnahme von rund 16 bis 18 Stunden Raufutter pro Tag ab. Daraus ergeben sich Probleme wie Magengeschwüre, Kotwasser, Stereotypien, Hufrehe und unausgeglichene Mineralversorgung. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie natürliche Fütterung in deutschen und österreichischen Ställen praktisch umsetzbar ist, ohne dass du sofort die gesamte Anlage umbauen musst.
Was bedeutet natürliche Pferdefütterung wirklich?
Der Begriff wird von vielen Futtermittelherstellern und Beratern verwendet, ohne dass eine einheitliche Definition existiert. Im Kern geht es darum, das Pferd als Steppen-Daueresser zu respektieren. Wildlebende Pferde, etwa die Przewalski-Populationen in der Mongolei, die Konik-Ponys in Polen oder die halbwilden Mustangs in Nordamerika, nehmen pro Tag rund 16 bis 18 Stunden faserreiche Nahrung in kleinen Portionen auf, bewegen sich dabei kontinuierlich und legen pro Tag oft mehr als 15 Kilometer zurück. Sie haben praktisch keine Magengeschwüre, kaum Stereotypien und entwickeln deutlich seltener Hufrehe oder das Equine Metabolische Syndrom als ihre domestizierten Artgenossen.
Natürliche Pferdefütterung versucht, drei Kernpunkte aus dieser Biologie in den Stallalltag zu übersetzen:
- ✓Die kontinuierliche Aufnahme von strukturreichem Raufutter ohne Pausen über vier Stunden, weil längere Fresspausen die Magensäureproduktion entgleisen lassen
- ✓Die Kombination von Fressen und Bewegung, weil Pferde in der Natur nie statisch fressen, sondern beim Grasen ständig kleine Schritte machen
- ✓Eine bedarfsgerechte, aber sparsame Verwendung von Kraftfutter und Ergänzungsmitteln, abgestimmt auf eine echte Heuanalyse statt auf pauschale Empfehlungen aus der Werbung
Die Übersetzung in den Stallalltag heißt nicht zwingend, dass du eine Offenstallanlage mit Aktivstall-Konzept brauchst. Auch in einer klassischen Boxenhaltung lassen sich die Prinzipien mit gut geplanten Heunetzen, mehreren Fütterungszeiten und ausreichender Bewegung weitgehend umsetzen.

Warum ist Raufutter die Basis jeder natürlichen Fütterung?
Raufutter, also Heu, Heulage, Stroh und Weide, ist der Eckpfeiler jeder natürlichen Pferdefütterung. Pferde produzieren rund um die Uhr Magensäure, weil ihr Magen darauf eingestellt ist, ständig kleine Mengen faseriges Futter zu verarbeiten. Wenn längere Fresspausen entstehen, fehlt das Speichelpuffersystem und die Säure greift die Magenschleimhaut an. Bereits eine fünf- bis sechsstündige Pause reicht, um den pH-Wert im Magen kritisch absinken zu lassen. Studien aus dem deutschen Sportpferdebereich zeigen, dass über 70 Prozent der untersuchten Sportpferde Magengeschwürbefunde aufweisen, in der Spitzenklasse sogar über 90 Prozent.
Die Zielgröße für die tägliche Heuaufnahme liegt bei mindestens 1,5 Kilogramm Heu pro 100 Kilogramm Körpergewicht, idealerweise zwei Kilogramm. Ein 600-Kilogramm-Pferd braucht damit neun bis zwölf Kilogramm Heu pro Tag, abhängig von Energiegehalt, Arbeitsbelastung und Stoffwechseltyp. Die Aufnahmerate sollte technisch so gesteuert werden, dass keine Fresspause länger als vier Stunden entsteht. In klassischer Boxenhaltung gelingt das mit engmaschigen Heunetzen, langsamen Heufressern oder mehreren kleinen Heuvorlagen über den Tag verteilt. Im Offenstall lässt sich das mit verschiedenen Futterstationen oder Slowfeeder-Systemen elegant lösen.
Die Heuqualität ist dabei mindestens so wichtig wie die Menge. Schimmelpilze, hohe Staubbelastung oder zu junges, energiereiches Heu führen zu Atemwegsproblemen und Stoffwechselschwankungen. Eine saubere Stallhygiene mit trockener Lagerung und regelmäßiger Sichtkontrolle des Heus gehört genauso zur natürlichen Fütterung wie die Auswahl der Sorte und des Schnittzeitpunkts.
Wie baust du eine Fütterung auf Basis einer Heuanalyse auf?
Wer natürlich füttern will, kommt um eine Heuanalyse nicht herum. Heu ist die zentrale Komponente, und seine Zusammensetzung schwankt je nach Boden, Schnittzeitpunkt, Wetter und Düngung erheblich. Die Werte für Rohfaser, Rohprotein, Zucker (WSC und ESC), Fruktangehalt, Mineralstoffe und Spurenelemente entscheiden, womit ergänzt werden muss. Pferde mit EMS- oder Cushing-Diagnose brauchen einen Zuckerwert unter zehn Prozent, gesunde Sportpferde dürfen energiereicheres Heu bekommen, alte und gut futterverwertende Robustpferde brauchen energiearmes, strukturreiches Heu.
Eine Heuanalyse über ein landwirtschaftliches Untersuchungslabor wie LUFA oder Sächsische Tierseuchenkasse kostet zwischen 50 und 150 Euro pro Probe und ist in Deutschland und Österreich gleich verfügbar. In Österreich übernehmen die Landwirtschaftskammern oder die AGES diese Aufgabe. Die Probe sollte aus mehreren Ballen einer Charge gemischt werden, damit sie repräsentativ ist. Auf Basis der Analyse plant ein Pferdetierarzt oder eine spezialisierte Fütterungsberatung das Mineralfutter und gegebenenfalls Ergänzungen.
Eine grobe Faustregel für die Mineralversorgung lautet: Wenn das Heu Standardwerte ohne Auffälligkeiten zeigt, reichen 40 bis 60 Gramm eines hochwertigen Mineralfutters pro Tag für ein 600-Kilogramm-Pferd in Erhaltung. Bei Sportpferden oder bei Pferden mit Stoffwechsel- oder Hufproblemen wird die Versorgung individuell berechnet. Standardisierte Mengen aus der Werbung sind selten optimal abgestimmt.
Wann ist Kraftfutter sinnvoll, wann verzichtbar?
Kraftfutter wie Hafer, Gerste, Mais oder pelletierte Futtermittel ist in der natürlichen Fütterung kein Tabu, sollte aber nur dort eingesetzt werden, wo der Energiebedarf des Pferdes über die Heuration hinausgeht. Ein Freizeitpferd, das täglich eine Stunde geritten wird und ansonsten auf Weide oder im Paddock steht, braucht in der Regel kein Kraftfutter. Ein Sportpferd im S-Niveau-Training, eine säugende Stute oder ein junges Pferd in der Wachstumsphase haben dagegen einen deutlichen Mehrbedarf, der über Heu allein nicht gedeckt werden kann.
Hafer ist traditionell das verträglichste Kraftfutter für Pferde, weil seine Stärke schon im Dünndarm gut verdaut wird und nur geringe Mengen unverdaut in den Dickdarm gelangen. Gerste und Mais haben höhere Stärkeanteile mit schwererer Verdauung im Dünndarm und neigen eher zur Dysbiose. Wenn du Hafer fütterst, sind drei kleine Portionen über den Tag verteilt deutlich besser als eine große, weil Pferde pro Mahlzeit nur etwa ein Gramm Stärke pro Kilogramm Körpergewicht effizient verdauen können. Mehr Hintergrund findest du im Beitrag zu Hafer für Pferde und im Ratgeber zu Fütterungsempfehlungen.
Pferde mit metabolischen Vorerkrankungen wie EMS, Cushing oder Hufrehe sollten möglichst kein Getreide bekommen. Hier sind ölhaltige Energieträger wie Leinöl oder Reisöl in kleinen Mengen die bessere Option, kombiniert mit zuckerarmem Heu und einer engmaschigen Vitamin- und Mineralversorgung.
Welche Rolle spielt die Weide in der natürlichen Fütterung?
Die Weide ist das ursprünglichste Fütterungssystem und gleichzeitig das anspruchsvollste in der praktischen Steuerung. Ein gutes Weidemanagement berücksichtigt Aufwuchsmenge, Zucker- und Fruktangehalt, Trittbelastung, Parasitenbelastung und das individuelle Stoffwechselprofil der Pferde. Frisches Frühjahrsgras nach längerer Heuwinterphase enthält oft Zuckergehalte über 15 Prozent und ist ein klassischer Auslöser für Hufrehe oder Kotwasser. Das Anweiden sollte deshalb über zwei bis drei Wochen mit täglich nur zehn bis 30 Minuten Zugang beginnen und langsam ausgedehnt werden.
Im Sommer ändert sich der Zuckergehalt der Weide tageszeitabhängig. Morgens nach kühler Nacht ist der Zuckergehalt am höchsten, nachmittags und abends bei warmer Witterung sinkt er. Pferde mit Stoffwechselproblemen sollten deshalb eher mittags und abends auf die Weide, EMS- und Cushing-Patienten oft nur mit Maulkorb oder zeitlich stark begrenzt. Im Herbst nach den ersten Nachtfrösten steigt der Zuckergehalt wieder, was viele Halter unterschätzen.
Weideflächen müssen außerdem konsequent auf Parasitenbelastung gemanagt werden. Selektive Entwurmung nach Kotprobenkontrolle, Wechselbeweidung mit Wiederkäuern und regelmäßiges Absammeln von Pferdekot sind Standardmaßnahmen, mehr dazu im Ratgeber zu Parasiten bei Pferden. Ein gutes Weidemanagement ist auch der wichtigste Hebel zur Vermeidung von Cyathostominose und großer Strongylose.

Welche Ergänzungen sind sinnvoll, welche überflüssig?
Der Markt für Ergänzungsfuttermittel ist groß und unübersichtlich. Aus tierärztlicher Sicht sind drei Gruppen von Ergänzungen sinnvoll:
Erstens ein hochwertiges Mineralfutter, das auf die Heuanalyse abgestimmt ist und die typischen Defizite an Zink, Selen, Kupfer, Mangan, Jod und Vitamin E ausgleicht.
Zweitens, falls die Heuanalyse das nahelegt, eine Aminosäureergänzung, vor allem mit Lysin und Methionin, weil Heu davon oft zu wenig liefert.
Drittens bei Bedarf Salz beziehungsweise Natriumchlorid in Form eines Lecksteins oder als zugemessene Tagesration. Mehr Details findest du im Beitrag zu Vitaminen für Pferde.
Andere Produkte wie Kräutermischungen, Probiotika, immunmodulierende Pulver, Hufzusätze oder Glanzöle haben in Einzelfällen eine Berechtigung, sind aber selten ein dauerhafter Bestandteil einer rationalen Fütterung. Wer alle paar Wochen ein neues Produkt in den Trog kippt, riskiert eine Überversorgung mit einzelnen Spurenelementen, eine Wechselwirkung zwischen Wirkstoffen und unnötige Kosten. Eine sinnvolle Faustregel: Für jedes neue Produkt sollte ein klar formuliertes Ziel formuliert sein, zum Beispiel die Anhebung des Selenspiegels, eine bessere Hufqualität nach drei Monaten oder die Stabilisierung der Verdauung nach Antibiose. Nach drei Monaten wird der Effekt überprüft, gegebenenfalls per Blutprofil oder Hufmessung. Wer das nicht messbar macht, füttert auf Verdacht.
Wie sieht eine natürliche Fütterung in der Praxis aus?
Ein praxisnahes Beispiel für ein 600-Kilogramm-Pferd in mittlerer Arbeit könnte so aussehen. Die Heuration liegt bei rund elf Kilogramm pro Tag, verteilt auf drei oder vier Vorlagen, die in Kombination aus engmaschigen Heunetzen und freier Vorlage über die Nacht keine Fresspause über vier Stunden zulassen. Im Sommer ergänzt täglich mehrstündiger Weidegang den Heuanteil. Mineralfutter wird mit 50 Gramm pro Tag gefüttert, in einer kleinen Portion eingeweichter Heucobs oder Rübenschnitzel.
Wenn das Pferd intensiver gearbeitet wird, kommen bedarfsgerecht 0,5 bis 1,5 Kilogramm Hafer pro Tag dazu, aufgeteilt in zwei Portionen. Salz steht über einen Leckstein zur freien Verfügung. Frisches Wasser wird über automatische Tränken oder Eimer mit kontrolliertem Durchfluss bereitgestellt. Ein Pferd mit Wasseraufnahmeproblemen bekommt zusätzlich eine warme Mash-Mahlzeit pro Tag, vor allem im Winter.
Bei einem Pferd mit Stoffwechselerkrankung, etwa EMS oder Hufrehevergangenheit, wird die Heuration auf zuckerarmes Heu mit Analyse-Werten unter zehn Prozent ESC umgestellt, gegebenenfalls eingeweicht. Kraftfutter wird durch Leinöl oder Reisöl ersetzt, die Mineral- und Vitaminversorgung individuell berechnet. Der Weidegang wird stark begrenzt, oft mit Maulkorb. Solche individuellen Pläne sind kein Hexenwerk, brauchen aber eine fundierte Beratung durch einen Pferdetierarzt.
Tierärztlicher Blick: Wann lohnt sich tierärztliche Fütterungsberatung?
Eine fundierte tierärztliche Fütterungsberatung lohnt sich in mehreren Situationen:
- ✓Bei jeder neuen Stoffwechselerkrankung wie EMS, Cushing, Hufrehe oder Magengeschwüren, weil hier individuelle Anpassungen entscheidend sind.
- ✓Bei wiederkehrenden Verdauungsproblemen wie Kotwasser, Kolikneigung oder chronischer Inappetenz.
- ✓Bei Sportpferden, deren Leistungsfähigkeit nicht zu den Trainingsdaten passt, was häufig auf Ungleichgewichte in der Versorgung hinweist.
- ✓Bei Zuchtstuten, säugenden Stuten und jungen Pferden im Wachstum, weil Fütterungsfehler hier dauerhafte Schäden verursachen können.
Die Beratung umfasst typischerweise eine Anamnese, eine klinische Untersuchung, eine Heuanalyse und gegebenenfalls Blutprofile mit Mineral- und Vitaminstatus. Die Kosten liegen in Deutschland und Österreich für eine umfassende Beratung meist zwischen 150 und 400 Euro plus Laborkosten. Diese Investition spart in vielen Fällen ein Vielfaches an Folgekosten durch Fehlernährung, vermeidbare Hufrehe oder verschleppte Magengeschwüre. Im Tierarzt-Verzeichnis auf Go4Vet findest du Pferdetierärzte mit Schwerpunkt innere Medizin und Fütterung. Auch bei der Vorbereitung einer Aufzucht ist eine fundierte Fütterungsplanung sinnvoll, mehr dazu im Beitrag zur Fohlenaufzucht.
Häufige Fragen zur natürlichen Pferdefütterung
Quellen
MSD Vet Manual: Nutrition of Horses (letzter Zugriff: 4.5.2026)
Vetmeduni Wien: Themenportal Pferd, Fütterung und Stoffwechsel (letzter Zugriff: 4.5.2026)
PubMed: Equine Gastric Ulcer & Forage Studies (letzter Zugriff: 4.5.2026)
FN: Fütterung von Pferden, Grundsätze und Fachartikel (letzter Zugriff: 4.5.2026)
Hol dir deinen persönlichen Bereich mit gespeicherten Beiträgen, Empfehlungen und Tierarzt-Terminen.
Mein go4vet kostenlos starten