Aminosäuren für Pferde: Lysin, Methionin und Co. richtig versorgen
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Aminosäuren sind die Bausteine aller Eiweiße im Pferdekörper. Ob Muskel, Sehne, Hufhorn, Enzym oder Antikörper, ohne Aminosäuren entsteht keine dieser Strukturen. Während dein Pferd viele Aminosäuren selbst herstellen kann, gibt es eine Gruppe sogenannter essenzieller Aminosäuren, die ausschließlich über das Futter aufgenommen werden müssen. Genau diese Gruppe ist in vielen heubasierten Rationen der heimliche Engpass, der Muskelaufbau, Hufwachstum und Leistungsfähigkeit unbemerkt bremst, ohne dass auf dem Papier ein klarer Mangel auftaucht.
Lysin ist der heimliche Engpass
Lysin gilt beim Pferd als limitierende Aminosäure. Selbst wenn das Gesamteiweiß rechnerisch ausreicht, kann ein Lysin-Mangel den Muskelaufbau und die Hufqualität ausbremsen. Das National Research Council nennt für ein 600-Kilogramm-Pferd im Erhaltungsbedarf einen täglichen Lysin-Bedarf von rund 27 Gramm, im Training, im Wachstum und in der Trächtigkeit deutlich mehr.
Was sind essenzielle Aminosäuren beim Pferd?
Insgesamt gibt es 20 proteinogene Aminosäuren, aus denen sämtliche Eiweiße zusammengesetzt sind. Beim Pferd gelten zehn davon als essenziell, das heißt der Körper kann sie nicht selbst aus anderen Verbindungen aufbauen und ist auf eine Zufuhr über das Futter angewiesen. Dazu zählen Lysin, Methionin, Threonin, Tryptophan, Phenylalanin, Valin, Leucin, Isoleucin, Histidin und Arginin. Die übrigen sogenannten nicht essenziellen Aminosäuren wie Glycin, Glutaminsäure, Asparagin oder Serin kann der Stoffwechsel selbst herstellen, sofern genug Stickstoff und Energie zur Verfügung stehen.
Pferde sind reine Pflanzenfresser und decken den Großteil ihres Eiweißbedarfs aus Heu, Gras und Krippenfutter. Heu hat allerdings eine eingeschränkte Aminosäurequalität. Vor allem Lysin liegt im Vergleich zum Bedarf in geringer Konzentration vor, gefolgt von Methionin und Threonin. Wenn die Ration also rein über die Eiweißmenge gerechnet wird, übersieht man häufig genau diese drei Schlüssel-Aminosäuren. Genau hier setzt eine moderne, bedarfsgerechte Pferdefütterung an: Sie betrachtet nicht nur das Rohprotein, sondern die tatsächliche Aminosäurenbilanz.
Eine Besonderheit beim Pferd ist die mikrobielle Eiweißsynthese im Dickdarm. Die dort lebenden Mikroorganismen bilden zwar ebenfalls Aminosäuren, doch diese werden nur in geringem Umfang resorbiert und reichen für ein Sport-, Zucht- oder Wachstumspferd nicht aus. Die wichtigste Versorgung muss daher über den Dünndarm und damit über hochwertige, präcaecal verdauliche Eiweißquellen erfolgen.

Warum sind Lysin, Methionin und Threonin so wichtig?
Drei essenzielle Aminosäuren stehen in der Pferdefütterung im Fokus: Lysin, Methionin und Threonin. Lysin ist die erste limitierende Aminosäure. Das bedeutet, dass die Eiweißsynthese genau dann stoppt, wenn das Lysin verbraucht ist, selbst wenn alle anderen Aminosäuren noch im Überschuss vorliegen. Lysin steckt in jedem strukturellen Eiweiß, beeinflusst Muskelaufbau, Hufqualität und Antikörperbildung und ist deshalb in vielen Sport- und Zuchtfuttermitteln gezielt zugesetzt.
Methionin ist die zweite limitierende Aminosäure. Sie liefert Schwefel, der in der Bildung von Keratin und damit für Hufhorn, Mähne und Schweif unverzichtbar ist. Außerdem ist Methionin Vorstufe von Cystein und Glutathion, die im antioxidativen Schutzsystem eine zentrale Rolle spielen. Threonin schließlich ist Bestandteil der Schleimhäute und der Immunglobuline. Bei jungen, alten oder magen- und darmkranken Pferden gewinnt sie zusätzlich an Bedeutung, weil hier die Schleimhautregeneration im Magen-Darm-Trakt besonders stark gefordert ist.
Wenn nur eine dieser drei Aminosäuren fehlt, kann der Organismus das nicht durch ein Mehr der anderen ausgleichen. Genau das macht die Aminosäurenbilanz so entscheidend. Eine Ration, die nominell genug Eiweiß liefert, kann trotzdem aus dem Tritt geraten, weil eine einzelne essenzielle Aminosäure zur Bremse wird.
Wie hoch ist der tägliche Aminosäurenbedarf?
Die belastbarsten Bedarfszahlen liefert der NRC-Report Nutrient Requirements of Horses, an den sich auch die Empfehlungen der GfE in Deutschland und Österreich anlehnen. Für ein 600-Kilogramm-Pferd im Erhaltungsbedarf werden rund 27 Gramm Lysin pro Tag genannt, bei leichter Arbeit etwa 32 Gramm, bei moderater Arbeit rund 38 Gramm und bei schwerer Arbeit über 45 Gramm. Methionin und Threonin werden meist im Verhältnis zum Lysin angegeben, üblich sind Methionin etwa 50 Prozent des Lysinbedarfs, Threonin rund 60 Prozent.
Bei Stuten in der Hochträchtigkeit und in der Laktation steigt der Lysinbedarf deutlich. Eine laktierende Stute mit Fohlen bei Fuß braucht im Spitzenmonat oft das Doppelte des Erhaltungsbedarfs. Auch wachsende Jungpferde haben einen sehr hohen Bedarf, weil sie täglich Knochen, Sehnen und Muskelmasse aufbauen. Senioren wiederum verwerten Eiweiß weniger effizient, weshalb hier eine bewusste Lysin-Ergänzung sinnvoll sein kann, gerade bei Tieren mit beginnendem Muskelabbau.
Die folgende Tabelle gibt eine grobe Orientierung, ersetzt aber keine individuelle Rationsberechnung durch deinen Tierarzt:
Welche Futtermittel liefern hochwertiges Eiweiß?
Nicht jede Eiweißquelle hat den gleichen Wert für das Pferd. Entscheidend ist die biologische Wertigkeit, also wie gut die Aminosäurenzusammensetzung dem Bedarf entspricht. An der Spitze stehen Sojabohnenextraktionsschrot, Erbsenprotein und Bierhefe. Sie kombinieren einen hohen Lysingehalt mit guter präcaecaler Verdaulichkeit. Sojaextraktionsschrot ist dabei in der Pferdefütterung Goldstandard, weil rund sechs Prozent des Eiweißes aus Lysin bestehen.
Leinsamen und Leinexpeller liefern moderate Eiweißmengen mit einem günstigen Fettsäuremuster, sind aber kein konzentrierter Lysinträger. Hafer enthält zwar mehr Lysin als andere Getreide, ist aber als Eiweißquelle insgesamt schwach. Mais und Gerste liegen darunter. Wer also ausschließlich Hafer und Heu füttert, deckt das Eiweiß der Menge nach oft, kommt bei Lysin und Methionin aber häufig zu kurz, vor allem im Sport, in der Aufzucht und im Senioralter.
Bei den Raufuttern entscheidet die Qualität: Junges, blattreiches Heu vom ersten Schnitt liefert deutlich mehr Eiweiß und Lysin als spät geschnittenes, stengeliges Heu. Luzerneheu und Luzerne-Cobs sind besonders eiweiß- und lysinreich und werden gern als gezielte Ergänzung eingesetzt, etwa für Sportpferde, Zuchtstuten oder zur Unterstützung des Muskelaufbaus.
Wie erkennst du einen Aminosäurenmangel?
Ein Aminosäurenmangel kündigt sich nicht mit einem klaren Symptom an, sondern schleicht sich über mehrere Bereiche ein. Typisch sind ein schlechter Muskeltonus trotz regelmäßigem Training, ein dürftiger Aufbau der Oberlinie, brüchiges Hufhorn mit Rissen und langsamem Wachstum sowie struppiges, glanzloses Fell. Auch ein nachlassendes Immunsystem mit häufigen Infekten kann ein Hinweis sein, weil Antikörper aus Aminosäuren aufgebaut werden.
Bei jungen Pferden stehen Wachstumsverzögerungen im Vordergrund, bei Sportpferden eine schlechte Regeneration nach Belastung, bei Senioren der typische Muskelabbau über der Kruppe und am Hals. Wichtig ist: Diese Anzeichen können viele Ursachen haben, von Wurmbefall über Magengeschwüre bis zu hormonellen Erkrankungen wie Cushing. Eine Aminosäurenanalyse macht im Einzelfall wenig Sinn, da sich Lysin im Blut nur unzuverlässig messen lässt. Aussagekräftiger ist eine Rationsanalyse: Lass deine Heu- und Krippenfutterration über ein Labor in Deutschland oder Österreich berechnen und mit den NRC-Werten abgleichen.
Wenn dein Pferd trotz energetisch ausreichender Fütterung nicht zulegt, der Muskel weich bleibt und die Hufe brüchig werden, ist das ein starkes Indiz, der Aminosäurenversorgung nachzugehen. Gleichzeitig solltest du Magengeschwüre und Parasiten ausschließen lassen, denn auch sie verschlechtern die Eiweißverwertung deutlich.

Wann lohnt sich eine gezielte Ergänzung?
Eine Ergänzung mit reinen Aminosäuren oder mit aminosäurenreichen Eiweißkonzentraten ist dann sinnvoll, wenn die Grundration die Bedarfswerte nicht abdeckt. Klassische Kandidaten sind Sportpferde im Aufbau, Zuchtstuten in der Hochträchtigkeit und Laktation, Jungpferde im Wachstum, Senioren mit Muskelabbau sowie Pferde nach langer Krankheit. In all diesen Fällen kann eine zusätzliche Lysin- und Methionin-Versorgung den Unterschied zwischen Stagnation und sichtbarem Aufbau machen.
Praktisch eingesetzt werden zwei Strategien: Entweder du erhöhst über ein hochwertiges Krippenfutter mit zugesetztem Lysin und Methionin den Eiweißanteil, oder du arbeitest mit einem konzentrierten Aminosäurensupplement, das gezielt Lysin, Methionin und Threonin liefert. Letzteres ist besonders effizient, weil du nicht zwingend mehr Energie und Stärke füttern musst. Gerade bei leichtfuttrigen Pferden, EMS-Pferden oder Pferden mit Hufrehe-Vorgeschichte ist das ein wertvoller Hebel.
Eine pauschale Hochdosierung „je mehr, desto besser“ ist allerdings keine gute Idee. Überschüssiges Eiweiß muss über die Leber abgebaut und über die Niere ausgeschieden werden, was Wasser bindet, Ammoniak in der Stallluft erhöht und langfristig Organe belastet. Halte dich an die Bedarfswerte plus einen kleinen Sicherheitsaufschlag und arbeite im Zweifel mit einer professionellen Rationsberechnung.
Wie integrierst du Aminosäuren konkret in den Stallalltag?
In der Praxis hat sich ein einfacher Drei-Schritt-Plan bewährt. Zuerst sicherst du die Heumenge ab, denn ohne ausreichend strukturreiches Raufutter funktioniert weder die Eiweißverwertung noch die Verdauung. Pro hundert Kilogramm Körpergewicht solltest du mindestens eineinhalb Kilogramm Heu pro Tag rechnen, besser zwei Kilogramm, verteilt über mehrere Mahlzeiten. Erst wenn das Raufutter steht, lohnt der Blick auf das Krippenfutter und auf gezielte Eiweißkomponenten.
Im zweiten Schritt prüfst du das Etikett deines Krippenfutters. Achte auf den ausgewiesenen Lysingehalt pro Kilogramm und rechne hoch, was deine tägliche Fütterungsmenge tatsächlich liefert. Liegt der Wert deutlich unter dem NRC-Bedarf deines Pferdes, ist entweder die Fütterungsmenge zu niedrig oder das Produkt zu schwach. Beides lässt sich beheben, ohne in extreme Spezialfutter zu investieren. Oft genügt ein Wechsel auf ein Sport- oder Zuchtfutter mit höherer Aminosäurendichte.
Im dritten Schritt arbeitest du je nach Bedarf mit einem konzentrierten Aminosäuresupplement. Diese Produkte liefern reines Lysin, Methionin und Threonin in Pulver- oder Pelletform und werden in kleinen Mengen, meist 20 bis 60 Gramm pro Tag, ins Krippenfutter gemischt. Sie sind besonders wertvoll für leichtfuttrige Pferde, EMS- und Rehe-Pferde sowie Senioren, weil du den Eiweißaufbau unterstützt, ohne zusätzliche Energie und Stärke zuzuführen.
Tierärztlicher Blick auf Aminosäuren beim Pferd
Aus tierärztlicher Sicht ist die Aminosäurenversorgung einer der am häufigsten unterschätzten Punkte in der Pferdefütterung. In der Praxis zeigt sich das oft erst, wenn ein Pferd trotz ausreichender Energie- und Mineralstoffversorgung in Muskel- oder Hufqualität stagniert. Wir empfehlen daher, bei jedem Pferd mit auffälliger Hufhornqualität, schwachem Muskelbild oder schlechter Regeneration zuerst die Eiweiß- und Aminosäurenbilanz der Ration zu prüfen, bevor zu Mineralfutter, Kräutermischungen oder Spezialprodukten gegriffen wird.
Sinnvoll ist eine schriftliche Rationsanalyse mit Heuprobe und Krippenfutter-Etikett, die mit deinem Tierarzt besprochen wird. Wenn du dir unsicher bist, ob die Versorgung passt, sprich uns über unsere Tierarztsuche an oder lass dir eine spezialisierte Pferdepraxis in deiner Nähe in Deutschland oder Österreich empfehlen. Im Zweifel ist ein einmaliger Beratungstermin günstiger und nachhaltiger als monatelange Eigenexperimente mit Pulvern und Pellets.
Häufige Fragen zu Aminosäuren beim Pferd
Quellen
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